Kultur : Die Küche im Dorf lassen

Das Haus der Kulturen der Welt auf Chefsuche

Thomas Lackmann

Berlin ist Weltstadt, hat jedenfalls das Zeug dazu, gehört zum global village und besitzt das schönste Dorfkulturzentrum mit dem Haus der Kulturen der Welt (HKW), der Kongresshalle im Tiergarten. Soll nun dieses HKW, eine Bundesinstitution, sich im Anschluss an die kommende einjährige Renovierungspause dem Expertenpublikum der internationalen Politik- und Kunstdiskursszene öffnen – oder auch dem Berliner Multikulti-Volk? Diese Gretchenfrage zum Kurs des Hauses wird seit Jahren regelmäßig gestellt. Entscheiden müsste die Antwort ein Intendant. Der aber fehlt dem HKW; Hans-Georg Knopp ist gerade an die Spitze des Goethe-Instituts zurückgekehrt, aus dem er – wie bislang alle Intendanten – vor acht Jahren ins HKW gekommen war. Gesucht wird ein neuer Intendant, möglichst schnell: weil das HKW ohne Chef während seines Sanierungsjahres schutzlos politischen Begehrlichkeiten ausgeliefert wäre. Und weil der im Kanzleramt nebenan erwartete Machtwechsel derzeit manche Behörden dazu animiert, die eigenen Pappenheimer zu versorgen. Sprechen beide Argumente, Sanierungspause und Wahlkampf, nicht eher gegen eine allzu flotte Besetzung des Postens? Das muss ein Gremium entscheiden: die Findungskomission.

Eine Findungskomission ist keine Gerüchteküche. Der Unterschied zwischen beiden Zirkeln besteht in der Ergebnisorientierung des einen und der Anonymität des anderen. Von der HKW-Findungskomission wissen wir immerhin, dass Kulturstaatsministerin Christina Weiss ihr angehört und dass am Ende ein konkreter Name herauskommen soll. Die Gerüchteproduktion der globalen Dorfküche liefert dagegen unverbindliche Optionen und Dementi zugleich.

Zum Beispiel heißt es, dass die Hauptstadtkulturfonds-Chefin Adrienne Goehler sich um die Intendanz beworben, aber gegen die Antipathie der Ministerin Weiss keine Chance haben soll. Ex-HKW-Mann Bernd Scherer – zwischendurch Goethe-Chef in Mexiko, jetzt Leiter der Abteilung Künste in der Münchner Goethe-Zentrale – ist der Intendanten-Kronprinz des Ex-Intendanten Knopp. Aber, so die Gerüchte, er habe nach einer internen Bewerbung der kommissarischen HKW-Leiterin Lydia Haustein nicht mehr durchgewinkt werden können, weshalb die Findungskommission überhaupt erst erforderlich geworden sei. Irit Rogoff, Professorin für Visuelle Kultur in England, sei durch das Veto eines im HKW einflussreichen afrikanischen Kunstprofessors sogleich wieder ausgemustert worden. Der habe nämlich das das Londoner Goldsmith College einst ihretwegen verlassen. Ex-Documenta-Kuratorin Catherine David sei nicht staatstragend genug für das repräsentative Amt. Sogar eine Kür des Ex-HKWlers Alfons Hug wird von den Gerüchteköchen en passant abgeschmeckt – und abgehakt, da dieser doch kaum so naiv sein könne, seinen Superjob als Biennale-Direktor in Sao Paulo aufzugeben ...

Ein Gerüchte-Menü für jeden Wunsch: für die Goethe-Fraktion, die Kunst-Spezis, die parteipolitischen Versorger – und jeder Kandidat gleich wieder abserviert. So einfach darf es sich die Findungskommission nicht machen. Heute tritt sie erstmals zusammen – und muss dabei wohl die Küche im Dorf lassen. Sie kann Berliner Weltkultur – was immer man sich anno 2005 darunter vorstellen mag – nicht neu erfinden. Sie hat aber hoffentlich das Zeug dazu.

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