Die Künstlerinnen des "Sturms" : Trinken, rauchen, debattieren

Endlich: Die Frankfurter Schirn-Kunsthalle würdigt die Avantgarde-Künstlerinnen des „Sturm“.

Sabrina Wagner
Farben der Heimat. Marianne von Werefkin erinnert sich 1913/14 mit „Stadt in Litauen“ ihrer russischen Wurzeln.
Farben der Heimat. Marianne von Werefkin erinnert sich 1913/14 mit „Stadt in Litauen“ ihrer russischen Wurzeln.Foto: Museo Ascona

Über allem wacht der Mann. Jedenfalls über den 18 Künstlerinnen, deren Werk die Frankfurter Schirn-Kunsthalle präsentiert. Exakt in der Mitte der Ausstellungshalle blickt Herwarth Walden überlebensgroß auf die Ausstellung „Sturm-Frauen – Künstlerinnen der Avantgarde in Berlin 1910 –1932“. Der Komponist und Kunstkritiker gründete 1910 die Avantgarde-Zeitschrift „Der Sturm“. 1912 folgte unter demselben Namen die legendäre Kunstgalerie. Nach dem Ersten Deutschen Herbstsalon 1913, der ersten Gesamtschau der europäischen Avantgarde, machten die „Sturm“-Ausstellungen fortan Station in allen europäischen Kunstzentren. Expressionismus, Dadaismus, Futurismus, Konstruktivismus, Kubismus und Neue Sachlichkeit – der rege internationale Austausch beförderte die unterschiedlichen Strömungen. Franz Marc, August Macke, Marc Chagall, Wassily Kandinsky und Paul Klee, sie alle wurden hier bekannt.

Die Frankfurter Ausstellung widmet sich einer Lücke der Kunstgeschichtsschreibung. Wichtige Vorarbeit leistete hier das vor zwei Jahren zum 100. Geburtstag der „Sturm“-Galerie in der Potsdamer Straße 134a erschienene Buch von Karla Bilang („Frauen im ,Sturm‘. Künstlerinnen der Moderne“, Aviva Verlag Berlin). Parallel zu Frankfurt beleuchtet die Bielefelder Kunsthalle den Anteil der Frauen an der Kunst vom Fin de Siècle bis in die dreißiger Jahre (bis 28. Februar). Offensichtlich gibt es Nachholbedarf.

Die Kunst des frühen 20. Jahrhunderts war männlich dominiert, institutionell untermauert durch die Tatsache, dass an den staatlichen Akademien Frauen bis 1918 nicht zugelassen waren. Wer es sich leisten konnte, besuchte private Damenakademien oder teure Malschulen. Anerkennung brachte aber auch die dort ermöglichte Ausbildung nicht. Herwarth Walden gab allerdings wenig auf die Herabsetzung weiblichen Schaffens. Was er für förderungswürdig hielt, protegierte er – ungeachtet, ob von Mann oder Frau. Dafür gebührt ihm der zentrale Platz.

Unter seinen Augen bewegt sich nun der Besucher durch eine faszinierende Ausstellung mit 280 Werken – darüber staunend, dass einen Großteil der Künstlerinnen heute kaum noch einer kennt: Marthe Donas, Maria Uhden, Magda Langenstraß-Uhlig oder Marcelle Cahn. Von Cahn stammt das Gemälde „Frau und Segel“ (1926/27), das den Umschlag des Katalogs ziert. Abstrakt und figürlich zugleich ist die Komposition. Sie zeigt sinnlich weibliche Rundungen vor technisch kantigem Hintergrund. Große Augen und ein gespitzter Mund blicken herausfordernd den Betrachter an. Souverän setzt die Schülerin von Fernand Léger die Widersprüche ihrer Zeit in Szene. Aber was genau ist an der Machart dieses Bildes als „weiblich“ auszumachen? Was genügte damals nicht den Qualitätsstandards „männlicher“ Kunst? Die erste Frage stellt sich heute kaum jemand mehr, die zweite ist nicht zu erklären.

Einige Malerinnen wie Marthe Donas arbeiteten deshalb unter männlichem Pseudonym. Rund 30 Künstlerinnen stellten bis 1932 regelmäßig in der Galerie „Der Sturm“ aus oder fanden Erwähnung in der gleichnamigen Zeitschrift. Nur Sonia Delaunay, Alexandra Exter, Natalja Gontscharowa, Else Lasker-Schüler, Gabriele Münter und Marianne von Werefkin sind bis heute wirklich bekannt.

Gabriele Münter und Marianne von Werefkin eröffnen gemeinsam die Ausstellung. Unter einem ausladenden Hut mit üppigem Dekor lächelt Marianne von Werefkin dem eintretenden Besucher entgegen. Gabriele Münter porträtierte sie. Die temperamentvolle Werefkin und die eher scheue Münter waren eng befreundet. Beide Malerinnen gehörten zum Kreis des „Blauen Reiters“, beide waren mit berühmten Künstlern liiert: Werefkin mit Alexej Jawlensky, Münter mit Wassily Kandinsky. Gewiss, die Liaison mit einem bekannten Maler mochte Türen in die Kunstwelt öffnen, doch eine Garantie war sie nicht, manchmal sogar von Nachteil. Der kubistische Künstler Louis Marcoussis etwa soll seiner Frau Alice Halicka nicht nur künstlerische Tätigkeiten untersagt, sondern sie gar veranlasst haben, ihr eigenes kubistisches Werk zu vernichten – aus Angst vor ihrer Konkurrenz.

Die Künstlerinnen des „Sturms“ waren Vorreiterinnen in mindestens zweifacher Hinsicht: Gemeinsam mit ihren männlichen Kollegen bildeten sie die Avantgarde, stellten sie ihren Neuerungsanspruch in der Kunst unter Beweis. Als Frauen in der Öffentlichkeit kämpften sie für ein neues Selbstbewusstsein in einer Zeit, in der sich die althergebrachten Geschlechterrollen aufzulösen begannen. Einige Bilder der Ausstellung thematisieren diesen Wandel sogar, etwa Marianne von Werefkins Gemälde „Im Café“ von 1909. Es zeigt vier betont männlich gekleidete Frauen, die trinkend, rauchend und debattierend um einen Tisch sitzen.

Die Ausstellung beschert den unbekannten Künstlerinnen der Berliner Avantgarde-Galerie späten, hochverdienten Nachruhm. Was jetzt folgen müsste, sind Einzelausstellungen.

Schirn Kunsthalle Frankfurt, bis 6. Februar; Katalog (Wienand Verlag) 34 €.

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