Kultur : Die Künstlerkolonie: Hoch soll sie leben, die Erinnerung an alte Zeiten!

Christian Huther

Der Zeitpunkt ist gut gewählt: Die Feierlichkeiten zur Gründung der Darmstädter Künstlerkolonie im Jahre 1899 und zur Grundsteinlegung der ersten Künstlerhäuser auf der Mathildenhöhe im Jahre 1900 sind vorbei. Nun gilt es, den Blick nach vorne zu richten und etwas dafür zu tun, dass wieder der alte Spruch gilt: "In Darmstadt leben die Künste".

Denn die Stadt konnte sich nach 1920 nicht mehr als Impulse gebendes Kunstzentrum behaupten. Nun soll das anders werden: Im Park Rosenhöhe, oberhalb der Mathildenhöhe gelegen, entstehen vier neue Künstlerhäuser. Allerdings können sie kaum mit den Bauten auf der Mathildenhöhe verglichen werden, handelt es sich doch um schmucklose, turmartige Häuser innerhalb kleiner Gärten. Aber an repräsentative Musterhäuser war auch nicht gedacht, wie der Architekt Ernst-Friedrich Krieger versichert.

Freilich dürfte den künftigen Nutzern der spärliche Lichteinfall Kummer bereiten. Zudem sind die kubischen Häuser mit rund einhundert Quadratmetern Raumangebot eher klein ausgefallen. Doch Krieger verweist darauf, dass sie nicht als lebenslange Domizile gedacht seien, sondern als eine von mehreren Stationen in der Karriere von Künstlern. Allerdings sollen die Häuser nicht vermietet, sondern verkauft werden. Die Stadt hat also nur bei der Erstvergabe Einfluss auf die Künstlerauswahl, danach entscheidet der Marktpreis, ob die Häuser von Künstler zu Künstler gehen - Ateliers also nur für betuchte Meister?

In den fünfziger Jahren waren die Stadtväter klüger gewesen. Als nach dem Zweiten Weltkrieg auch auf der Mathildenhöhe vieles zerstört war, besann man sich auf den Geist der Künstlerkolonie und ließ im Park Rosenhöhe neun Bungalows mit Atelieranbauten errichten, um vor allem bildende Künstler mit günstigen Mieten und unbegrenzten Nutzungsrechten anzulocken.

Allerdings schlug dieses Vorhaben fehl, lebten und leben doch hier vorwiegend Schriftsteller von Kasimir Edschmid über Georg Hensel und Karl Krolow bis Gabriele Wohmann. Heute ist der fünfzigjährige Bildhauer Thomas Duttenhoefer der einzige bildende Künstler auf der Rosenhöhe.

Da Darmstadt die Rosenhöhe auch für Komponisten, Musiker und Literaten öffnete, verwässerte das ursprüngliche Konzept. So hat die Stadt kaum renommierte bildende Künstler zu bieten, zumal die ganze Kulturpolitik zu sehr auf die glorreiche Jugendstil-Historie fixiert ist und sich zu wenig um Gegenwart und Zukunft kümmert.

Als man beispielsweise in den achtziger und neunziger Jahren die Künstlerhäuser auf der Mathildenhöhe wiederherstellte, vergraulte man dabei kurzerhand eine traditionsreiche Institution wie den Deutschen Werkbund oder den jüngeren, in Designfragen begehrten Rat für Formgebung. Beide wurden damals von Frankfurt mit offenen Armen aufgenommen. Die Nähe zur Mainmetropole ist ein weiterer Grund, weshalb es mit Darmstadts Bemühungen um die bildende Kunst nicht weit her ist. So wird hier wohl auch weiterhin vor allem die Erinnerung an die alten Zeiten hochleben.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben