Kultur : Die kultivierte Balance – zwischen Fleiß und Faulheit

Erweiterung ist gut für den Horizont: Eine Berliner Diskussionsrunde beschließt morgen das europäische „Kulturjahr der Zehn“

-

Eine „Großmacht der Gastlichen“, das scheint die schönste Utopie, die hier vier von zehn europäischen Intellektuellen formulieren, die am Freitag ab 16 Uhr im Berliner Max Liebermann Haus neben dem Brandenburger Tor miteinander diskutieren werden – zusammen mit Adolf Muschg, dem Schweizer Präsidenten der Berliner Akademie der Künste. Gefolgt von Konzerten und einem Fest geht so nach 500 Veranstaltungen mit über 300000 Zuschauern in Berlin das „Kulturjahr der Zehn“ zu Ende: ein von Zsuzsa Breier geleitetes gemeinsames Programm der im Mai 2004 in die EU aufgenommenen neuen Mitgliedsländer.

Eszter Babarczy, Ungarn

Europa ist ironisch und ambivalent. Die Hoffnungen auf schnelle Gewinne oder wohlwollende reiche Onkels erlöschen in Osteuropa, Apathie und Anomie herrschen vor. Keiner befragt Europa, keiner glaubt an Europa. Das europäische „Wir“ ist unsichtbar. An unsichtbare Identitäten ist es schwer zu glauben, noch schwerer kann man sie umfassen.

Es gibt trotzdem mehrere Gründe, warum Europa existieren soll. Europa ist eine mühselige, doch weise Allianz, um eine gewisse Stabilität für die Region in der unsicheren Welt zu erreichen. Europa ist die Lissabon-Strategie, ein Versuch der alten Aristokratie der Reichen, die von armen Verwandten umrahmt ist, noch einmal ein Globalökonomiefaktor zu werden. Europa ist eine privilegierte und zurückhaltend, doch allerliebste, zivilisierte und aufgeklärte Superbürokratie – ein Gegengewicht zu den nationalen politischen Unternehmern. Europa ist ein Projekt und Prozess der Zivilisation, der Fairness, Bildung und politesse, der die blutige Geschichte Europas beenden könnte. Sind wir also vorbereitet dafür, Europa als eine Zweckdienlichkeit ohne eigene Identität zu akzeptieren?

Die Autorin, Jahrgang 1966, lebt als Historikerin und Publizistin in Budapest.

Peteris Bankovskis, Lettland

Adolf Muschg gesteht in einem Europa-Essay, in seinem Heimatland, der Schweiz, fühle sich „die Mehrheit immer noch als Bürger ihres Kantons, in zweiter Linie ihrer Gemeinde, und erst in dritter Linie kommt der Bundesstaat, die Confoederatio helvetica: im strengen Sinn keine Nation, und doch mehr als die Summe seiner Teile“. Apropos Gemeinde: Christlich steht in der EU für „europäisch“, ob es uns gefällt oder nicht, seien nun christliche Werte in der Europäischen Verfassung verankert oder nicht. Nach gut einem Jahrhundert im säkularen Nationalstaat sehen sich die Bewohner am Rande des Kontinents von einem allmählichen Untergang bedroht. Linke Intellektuelle, vierzig Jahre sexuelle Revolution und der Libertinismus haben diese Entwicklung befördert. Und die Menschen begeben sich in konservative, traditionelle Wahrnehmungs- und Lebensmuster, um sich dort als Mitglied einer Gemeinde fühlen zu können, wo sie, mit etwas Glück, noch ein wenig Zuversicht schöpfen können.

Der Autor, geb. 1952, lebt als Kunst- und Literaturkritiker in Riga. Er ist Vorstandsvorsitzender der Lettischen Kulturstiftung.

Toomas Kiho, Estland

Europa – eine kleine Halbinsel am Westrand des eurasischen Kontinents –, womit hat es sein Schicksal verdient, ein Motor der Menschheit und der Zivilisation zu sein? Im Guten wie im Bösen: Sowohl die Tendenzen zur Welteroberung als auch die Globalisierung haben eindeutig europäische Wurzeln. Die Entwicklung der Zivilisation und der Kultur kann man auf die Geschwindigkeit des Informationsaustausches zurückführen. Statt Infotechnologie bedeutete früher das Meer Bewegungs- und Informationsfreiheit. So war die extrem lange Küstenlinie Europas ein Impuls für die Entwicklung der Kultur. Ein weiterer Impuls ist die Diversität Europas. Jede Kultur und Sprache bilden eine eigene Weltanschauung, zusammen ergeben sie das Gewebe des modernen Europas. Und drittens hat Europa ein Entwicklungsstadium erreicht, in dem die Selbstironie zulässig ist. Der ernste Postmodernismus Europas ist vorbei.

Dies sind die wesentlichen Züge der Europa-Idee; Probleme wie die Erweiterungsrunden der EU, der Verfassungsvertrag oder der Euro sind vergleichsweise vergänglich. Es gibt Analogien in der Hanse, in den Universitäten des Mittelalters. Sie alle waren in ihrer Zeit progressive Exempel der Zusammenarbeit Europas. Heute lassen sich zwei Aufgaben formulieren: Europa soll seine Grenzen in der heutigen Welt erkennen, im geografischen wie im intellektuellen Sinne.

Der Autor, Jahrgang 1963, ist Chefredakerut der Zeitschrift „Akadeemia“ und Berater des estnischen Innenministeriums.

Jan Šícha, Tschechien

Gesucht wird das Volk, das Europas beste Absichten kräftiger mit Leben erfüllt. In jedem EU-Land finden wir mindestens eine gepflegte strategische Straße, eine einigermaßen funktionierende Post und Polizei, in jedem Land sind die Frauen (fast) gleichberechtigt, jedes Land hat das Kyoto-Protokoll unterschrieben (nur Monaco kämpft dagegen). Unser Europa ist satt. Wenn wir ein europäisches Volk als Demos suchen, dürfen wir die dynamische Polis nicht vergessen. Die ständige Baustelle EU ist die richtige Antwort auf die schnelle Wandlung der nicht nur europäischen Polis, sie macht die Dynamik erträglicher. Europa versucht eine kultivierte Balance zwischen Fleiß und Faulheit; die schöne Frau Europa garantiert Humanismus. Gewünscht ist eine Großmacht der Gastlichen.

Der Autor, Jahrgang 1967, ist stellvertretender Chefredakteur der Prager Zeitschrift „Literární noviny“.

0 Kommentare

Neuester Kommentar