Kultur : Die Kultur bricht durch die Fenster

TONY BLAIR

Erstmals zu lesen: Der neue Premierminister Großbritanniens bekennt sichzu einem visionären Dreiklang von Bildung, Kunst und technologischem FortschrittVON TONY BLAIRMein Begriff von Kultur widerspricht der anrüchigen Behauptung, so etwas wie Gesellschaft existiere nicht mehr.Ich glaube, daß die Qualität der Kunst und die unserer Kulturindustrie, daß all unsere kreativen Talente entscheidend sind angesichts der Aufgabe, jenen Sinn für Gemeinschaft, Identität und ziviles Selbstbewußtsein wiederzugewinnen, der hier so schmerzlich verlorengegangen ist in den letzten zwei Jahrzehnten. Traditionellerweise gab es bisher zwei Hauptthemen in der öffentlichen Debatte über Kultur in Großbritannien.Die Frage: Bist du für die hohe Kunst oder für die populäre Kunst? Mit anderen Worten: Bist du Spießer oder Ästhet? Zweitens: Gibst du viel aus für Kultur oder wenig? Man dachte, auch eine Regierung beweise ihre Liebe zur Kultur am besten, indem sie immer höhere Kunst mit immer höheren Subventionen überschüttet.Solche Denkraster aus den 70er Jahren müssen wir heute überwinden. Wir leben in einer Welt, in der Opernsänger die Pop-Charts erobern, in der staatlich subventionierte Produktionen der Royal Shakespeare Company wie (das Musical) "Les Miserables" dem Land am Ende Millionen verdienen.Leute wie ich - und eine Menge mehr - mögen das Theater und die Popmusik; wir feiern herausragende Opernereignisse, aber wir schätzen auch den Komiker-Auftritt im Hinterzimmer des heimischen Pubs.Hierbei wissen wir, daß die alten Unterscheidungen zwischen Kultur, Freizeit oder Bildung immer brüchiger geworden sind.Und: Die Zuschüsse durch Lottogelder oder von lokalen Instanzen, privates Sponsoring, Europa-Gelder, Fernsehverwertung, Einnahmen aus dem Tourismus zeigen, daß der Schatzkanzler nicht die einzige Finanzhilfe darstellt für Kultur und Kulturindustrie.Doch kann die Regierung vorangehen und den Akzent setzen. Ein Hauptvorwurf gegen die alte Regierung ist, daß es unter ihr statt Führung nur ein Abdriften gab.Keine Vision oder Strategie, nur Ad-hoc-Maßnahmen ohne Plan für die Zukunft.Kunst und Kulturindustrie waren Nebenschauplätze, als seien sie bloß peripher für unser Leben.Ich möchte sie künftig mit an der Spitze der Tagesordnung sehen. Wir gehören in der Tat zu einer talentierten und phantasiereichen Nation.Britische Filmkünstler haben 30 Prozent aller Oscars in den letzten zwanzig Jahren gewonnen.Dank der frühen Unterstützung durch Channel 4 sind britische Zeichentrickfilme führend in der Welt, unsere Sender werden preisgekrönt auf allen Gebieten, vom Fernsehspiel bis zu den Nachrichten, bei den ausdiovisuellen Medien haben wir in Europa einen Marktanteil von über 25 Prozent; Plattenverkäufe britischer Künstler machen - ich scheue mich fast zu sagen: trotz meiner eigenen Versuche mit den "Ugly Rumours" (Tony Blairs studentische Rockband in Oxford während der 70er Jahre) - gut 20 Prozent des Weltmarkts aus.Und in der gesamten Kulturszene gibt es in Großbritannien jeden Abend zweitausend Schauplätze, die Programme und Raum für mehr als eine Million Zuschauer bieten. Im 21.Jahrhundert werden wir mit einer Weltwirtschaft konfrontiert sein, die auf den Energien kreativer Köpfe beruht.Heute sind bei uns bereits eine dreiviertel Million Menschen im kulturellen Sektor beschäftigt - fast doppelt soviele wie in der Autoindustrie.Zwei von drei ausländischen Touristen nennen kulturelle Anlässe als Grund ihres Besuchs.Der British Council schätzt die Exporterlöse aus diesem Bereich auf etwa 10 Milliarden Pfund (ca.28 Milliarden Mark). Großbritannien hängt zunehmend mehr von Gehirnen ab als von Muskeln.Die expandierenden Unternehmen haben heute mit Kommunikation, Entertainment, Bildung und Freizeit zu tun.Diese Industrien sind auch weltweit von wachsender Bedeutung.Sie schaffen neuen Wohlstand für Wirtschaft und Gesellschaft, und sie beruhen auf dem kreativen Instinkt, der genährt wird von künstlerischer Phantasie.Ich habe darüber hinaus oftmals betont, daß das leidenschaftliche Engagement einer von mir geführten Regierung der Bildungspolitik gelten wird.Es ist meine Überzeugung, daß eine gerechte Gesellschaft und eine starke Wirtschaft auf der Qualität der Ausbildung unserer Kinder fußt.Und Kultur trägt wesentlich zur Persönlichkeitsentwicklung junger Menschen bei.Kunst und Bildung nähren einander. Ebenso bin ich überzeugt, daß die Verbindung von Technologie und Bildung ein enormes Potential bedeutet.Wir haben deswegen detaillierte Vorschläge ausgearbeitet, um jede Schule datentechnisch mit einem Superhighway zu vernetzen.Auch Kindern in Newcastle sollten auf Knopfdruck einen Schlüssel besitzen für die Schatzkammern des Victoria & Albert Museums oder der National Gallery.Im übrigen sollte Bildungspolitik nicht an unseren Küsten haltmachen.Mit der englischen Sprache besitzen wir ein Kronjuwel der internationalen Kulturindustrie.Ich würde es begrüßen, wenn wir die führenden Köpfe in den Bereichen Ausbildung und Telekommunikation überzeugen könnten, daß britische Unternehmen Englisch in der Welt lehren sollten, eher als Bertelsmann oder Disney. Das kulturelle Leben jeder zivilisierten Gesellschaft hängt davon ab, daß zu ihm nicht nur eine kleine Minderheit Zugang hat.Die wichtigste Rolle als Vermittler spielen dabei natürlich die Medien.Wir haben in Großbritannien glücklicherweise ein System, das Rundfunk und Fernsehen auf der Basis öffentlichrechtlicher Rahmenbestimmungen mit privatem Wettbewerb verbindet.Es ist diese Kombination von öffentlichen und privaten Medien, die - als Konkurrenten - für Innovation und wechselseitigen Anreiz zugunsten der Zuschauer gesorgt haben.Auch in Zukunft brauchen wir diese Balance, im nationalen und internationalen Wettbewerb.Aufgabe der Regierung ist es, die Wechselwirkung von Qualität und Vielfalt zu bewahren.Das digitale Fernsehen bietet größere Wahlmöglichkeiten für den Zuschauer und die Chance für mehr informativen, interaktiven Service.In dieser Zeit der schnellwechselnden Technologien muß die Regierung klare Spielregeln vorgeben und dann die Verantwortlichen sich und dem Wettbewerb überlassen. In der Bildungspolitik dagegen müssen jetzt neue Strukturen geschaffen werden.Deshalb wollen wir eine Nationale Stiftung für Wissenschaft und Kultur gründen ("National Endowment for Science and the Arts", NESTA): um neue Talente zu fördern und das öffentliche Bewußtsein für Kultur, Wissenschaft, Technologie zu stärken.Die Stiftung soll die vorhandenen staatlichen und privaten Institutionen unterstützen.Oft genug jedoch fehlt es an Stipendien für Schüler und Studenten.Junge Leute stürzen sich auf Fortbildungskurse für neue Medien, sie füllen Museen, Kinos, Theater, Kulturzentren.Sie spüren, daß Kultur eine Energiequelle ist und möchten an ihr partizipieren.Wir wollen ihnen dabei helfen.Die Stiftung sollte spätestens nach der Jahrtausendwende mit Lottogeldern sowie aus Schenkungen oder Beteiligungen an Urheberrechtstantiemen und Patent-Einkünften beginnen, die Begabungen unserer kommenden Generation zu fördern.Lassen Sie mich auch ein paar Worte speziell zur britischen Filmindustrie sagen.Wir können stolz sein auf viele hervorragende Filme, auf große Regisseure und Schauspieler, ebenso auf exzellente Institutionen wie die National Film and Television School und das British Film Institute mit seinem einzigartigen Archiv und zahlreichen Aktivitäten.Dennoch erinnert mich das englische Kino manchmal an die berühmten Dracula-Filme - immer wenn man meint, jetzt ist er tot und begraben, erwacht er wieder zu neuem Leben.Wir befinden uns umgekehrt gerade im Aufwind, aber wir sollten uns keine Rückfälle leisten.Deshalb werden wir die Filmindustrie in jeder möglichen Weise unterstützen.Großbritannien ist die stärkste Kraft auf dem gesamten europäischen Medienmarkt und bildet eine kulturelle Brücke zwischen Europa und den USA.Insoweit schulden wir es uns selbst und unseren Nachbarn, hier Verantwortung zu übernehmen und eine führende Rolle zu spielen.Zum Beispiel werden wir die abwegige Entscheidung der alten Regierung, sich aus Europas Medien-Programm "Eurimages" zurückzuziehen, korrigieren und damit die Möglichkeit bieten, unseren Anteil an europäischen Co-Produktionen erheblich zu erhöhen. Mein Fazit: Die Kultur hilft uns zu definieren, wer wir sind, auch als Land.Kreative Unternehmungen helfen, uns für die Zukunft zu wappnen.Billy Wilder sagte einmal übers Filmemachen: "Wenn ein Schauspieler durch eine Tür hereinkommt, bedeutet das gar nichts.Wenn ein Schauspieler durchs Fenster kommt, haben wir - eine Situation." Die Entwicklung der neuen Medien, das Zusammenspiel neuer Technologien, das Aufkommen neuer Ideen, die Jahrtausendwende: All das bedeutet, daß sich die Rolle der Kultur in unserer Gesellschaft verändert.Wir haben eine neue Situation.Die Kultur bricht durch die Fenster, bringt neue Herausforderungen und eröffnet neue Chancen.Ihr Potential füllt nicht allein unsere Kassen, sie bereichert unser Leben.

(Aus dem Englischen von Peter von Becker)

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