Kultur : Die Kunst den Künstlern! (Kommentar)

Marcel Ophüls

Das neue Millennium? Ich bin pessimistisch. Schon das 20. Jahrhundert war scheußlich, aber gottseidank war es auch besonders kurz. Es hat 1914 angefangen und war 1989 zu Ende. Wir sind längst im 21. Jahrhundert, auch in den Grässlichkeiten des 21. Jahrhunderts, zu denen ich den Tod des Kinos rechne. Aber sein Mörder wird jetzt auch bald dran glauben müssen - im Zeitalter des Internet kann auch das Fernsehen abdanken. Mein Vater Max Ophüls zitierte gerne den großen Geiger Fritz Kreisler, der gesagt hat: "Als das Grammophon erfunden wurde, war ich dagegen. Als das Radio erfunden wurde, war ich dagegen. Als der Tonfilm erfunden wurde, war ich dagegen. Und weil ich ein moderner Mensch bin, bin ich jetzt gegen das Fernsehen." Dieses Zitat mag ich sehr gerne.

Die große Zeit des Kinos ist schon lange vorbei, die Zeit von Frank Capra und Orson Welles. Der Präsident der Jury in Cannes 2000 heißt Luc Besson. Ich bitte Sie! Ich glaube auch nicht besonders an den jungen Film. Die meisten Filmemacher von heute erscheinen mir egozentrisch, kompromisslerisch und vernuttet. Es gibt Ausnahmen, aber leider nicht genug, um den Film zu retten. Das ist ähnlich wie mit dem Jazz, der anderen großen künstlerischen Erfindung des 20. Jahrhunderts. Auch der Jazz ist heute tot.

Was mir großen Kummer macht, wenn ich fernsehe und mir die Gameshows und Straßeninterviews anschaue: Das Medium wird viel zu demokratisch. Auch das Internet lebt ja von dem Glauben, dass es umso demokratischer zugeht, je mehr kommuniziert wird. Der Austausch, das Feedback, die Publikumsteilnahme - das ist doch nur der znyische Gruß der Mediendiktatoren an ihr schon längst erobertes Volk. Applaus auf Bestellung, dumme Schmeicheleien! Sie werden auch den Schmeichlern auf Dauer nicht nützen. Künstlerische Tätigkeit war und bleibt eine elitäre Sache. Eine Sache der Begabung.

Nichts gegen Demokratie, aber bitte nicht in der Kunst, nicht im Kino und nicht in der Literatur. Mehr noch: Für eine demokratische Kultur und die Freiheit, ohne die es keine Demokratie geben kann, ist es lebenswichtig, dass man die Kunst den Künstlern überläßt. Die Banalisierung von Kommunikation tötet den Geist. Ich glaube allerdings nicht, dass wir diesen Prozess noch aufhalten können.Marcel Ophüls ist mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichneter Dokumentarfilmregisseur ("Hotel Terminus"), er lebt in den Pyrennäen.

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