Kultur : Die Kunst der Erregung

Triumph oder Ärgernis? In Graz endet jetzt Europas Kulturhauptstadtjahr

Peter von Becker

Eigentlich möchte man sich die Grazer im Jahr 2003 als glückliche Menschen vorstellen. Ihre „Kulturhauptstadt Europas“ am südöstlichen Ende der Republik Österreich hat seit Januar gut 6000 (in Worten: sechstausend) Veranstaltungen der künstlerisch-literarisch-eventhaften Art absolviert, das Programm der Kulturhauptstadt erlebten bis Mitte November zweieinhalb Millionen Besucher, die Grazer Hotellerie zählt bereits 700000 Übernachtungen (nach eigener Auskunft ein „Nächtigungsplus“ von fast 30 Prozent), und vor einigen Tagen wurde die steirische Landeshauptstadt (240000 Einwohner) im großen London mit dem „Globe Award 2003“ für das „weltweit beste Tourismusprojekt“ geehrt. Das klingt fabelhaft.

Wer dieser Tage aber nach einem wochendlichen Kulturhauptstadtprogramm noch vor der Nächtigung mit ein paar Grazer Autoren, Kulturmanagern und Journalisten bei einem Glas’l Zweigelt oder Welschriesling zusammensitzt, der erfährt bei den schönen steirischen Weinen ganz schnell, wie fürchterlich alles war. Da ist zum Beispiel die neue funkelnde Insel im rauschenden Flusse Mur nichts als – Murks. Eben sahen wir diese Installation, umgeben von Wasser und barocker Altstadt, die einem Wal aus Glas und Stahl ähnelt, mit ihren schmalen Landestegen noch ganz wunderbar in die Novembernacht leuchten. Nicht einfach nur eine futuristische Brücke zwischen den Grazer Hälften soll das sein, auch ein Café, eine Jazzbühne.

Irgendwas allerdings, das der Zugereiste nicht weiß, hat hier bautechnisch nicht vollends geklappt – ebenso wie bei dem schräg vis-à-vis gelegenen, soeben eröffneten „Kunsthaus Graz“: einer auf weißem Betonrund aufliegenden riesigen, grüngrauen Acryl-Gurke, die dank ihrer enormen, an Saugnäpfe erinnernden diversen Ausstülpungen über das Gemüsige hinweg gleichfalls Wal-Assoziationen weckt. Eigentlich sollte diese von dem Londoner Architekten Peter Cook errichtete Kulturmaschine als neues Forum für Gegenwartskunst völlig transparent sein und im unterschiedlichen Tageslicht seine Farben wechseln. Und weil das beides mit der Kunststoffhaut nicht hingehauen hat, wittern die Grazer hier gleichfalls Skandal und Geldverschwendung.

Überhaupt stellt man sich an der Mur – grazianisch grün, aber im Trend mit allen heutigen Expos, Olympics und ähnlichen Großereignissen – als erstes und letztes die Frage der „Nachhaltigkeit“. Was also bleibt von den für 2003 investierten 60 Millionen Euro übers europäische Kulturhauptstadtjahr hinaus? Ein paar Schulden bleiben bei solchen Events ohnehin, in Graz sind’s, trotz aller schönen Touristenzahlen, wohl etliche Mios. Doch das gehört dazu wie der Kater zum Fest. Und es bleibt natürlich das in den genannten Kosten nicht inbegriffene, angeblich für nur knapp 50 Euromillionen gebaute Kunsthaus: als kleines, feines Centre Pompidou der Steiermark.

Auch die gläserne Mur-Insel wird nicht abgebaut, sondern vom österreichischen Getränkekonzern Red Bull übernommen. Ein weiterer Streitfall ist der am Eingang der Altstadt vom Künstler Richard Kriesche installierte „Marienlift“: eine Glas-Stele, in der ein Aufzug jeweils vier Personen auf Augenhöhe der nebenstehenden goldenen Mariensäule bringt, eines Grazer Wahrzeichens – und damit auch den gemeinen Bürger zur „Selbstentfaltung“ ins Antlitz der göttlichen Jungfrau erhebt. Diese Installation wird von ihrem Schöpfer naturgemäß ganz antifeudalistisch-basisdemokratisch verstanden. Grazer Avantgardisten ebenso wie kulturkonservative Altstädter halten den so befrachteten Lift indes für modischen Humbug. Oder für einen cleveren Schmarrn. Trotzdem soll auch Kriesches Werk bis auf weiteres bleiben – weil der gläserne Aufzug zur Publikumsattraktion geworden ist und sich der Lift immer erst nach Einwurf eines Euros bewegt. Was die umstrittene Erhebung womöglich rentabel macht.

Eine Stadt der Erregung. Vor allem, wenn es um das wahre Wahrzeichen geht. Das ist auf dem Schlossberg über den Dächern von Graz der seit 1712 noch immer mit seiner Originalmechanik schlagende Uhrturm. Ihm wurde – wie zuletzt in Weimar dem goetheschen Gartenhaus – ein Double verpasst. Schon das wirkte für manche irritierend, doch richtig zum Volkszorn geriet die Idee des Künstlers Markus Wilfling, den Zweitturm uhrlos und ganz in schwarz zu bauen: nämlich als „Schatten“ des Ur-Turms. Weil Schatten freilich nicht nur in der Geschichte so eine Sache sind und im Schlossberg ein historischer Weltkriegsstollen zudem als Tiefenschacht der Kulturhauptstadtmacher genutzt wurde, erhob sich manch Uhr- und Urgeschrei. Folglich muss der Schattenturm wieder weichen – allerdings wird er wohl auf dem Gelände eines Großmarkts am Stadtrand 2004 auferstehen. Ein Kompromiss von Kunst und Kommerz.

Was bleibt, ist das eine. Was aber war überhaupt? Graz ist ja kein verstocktes Nest, in dem nur alle Europajahre mal ein Kulturraumschiff landet. Seit gut 40 Jahren sind die Grazer ausgezogen, die Literatur zu erobern, mit dem jungen Wolfgang Bauer („Magic Afternoon“), mit dem Kreis ums legendäre Forum Stadtpark, um den jungen Peter Handke und den Dichter Alfred Kolleritsch mit seiner einst auf die ganze deutschsprachige Szene ausstrahlenden Literaturzeitschrift „Manuskripte“ (sie hat, europaweit und mit auf die bildende Kunst orientiert, in Graz nun heftige Konkurrenz erhalten durch Markus Jaroschkas Magazin „Lichtungen“). Vor allem aber leuchtet die Stadt alljährlich durch ihr Musik, Theater, Kunst und Literatur vereinigendes Avantgardefestival, den „Steirischen Herbst“.

2003 nun, unter dem Europa-Signum, gab es Ausstellungen zu Utopia und im Schatten des Turms von Babel „Die Verwirrung der Sprachen“; der Grazer Leopold von Sacher-Masoch (1836-1895) animierte posthum zu einer Schau über „Masochismus in der Kunst“, Olga Neuwirth komponierte und Elfriede Jelinek (unweit geboren) dichtete Musiktheater nach dem „Lost Highway“ von David Lynch, und zuletzt trafen sich Autoren von Berlin bis Sarajevo zum Symposion „Poetik der Grenze“. Im neuen Kunsthaus, durch das im Inneren über zwei Stockwerke mächtige Rolltreppen schneiden und die Außensaugnäpfe nunmehr als Bullaugen im Acrylhimmel erscheinen, zeigt Hausherr Peter Pakesch als erste Ausstellung unterm Titel „Einbildung. Die Wahrnehmung in der Kunst“ eine bunte Mischung aus Concept-Art-Didaktik und minimalistischem Spiel.

Von den seit dem Konstruktivismus oder Vasarely & Co. tausendmal gesehenen geometrischen Formen und Formeln meist junger Adepten und Epigonen über die hyperrealistischen Fotomalerei eines Chuck Close bis zur rotierenden Farbpalette von Alfons Schilling ist das allemal eine Schule des Sehens. In nuce steckt die Grundidee schon in den wunderbaren, labyrinthischen Geometrien des 90-jährigen Mailänders Mario Ballocco, dessen in Würfeln, Rechtecken, EscherTreppen geborenem Rausch aus Ordnung und Chaos das Kunsthaus zu Recht einen eigenen, offenen Raum gibt (bis 18. Januar).

Nebenan in der Camera Austria sind bis Februar die Algerienfotos des 2002 verstorbenen Soziologen Pierre Bourdieu zu sehen: „Zeugnisse der Entwurzelung“, Bauern und Verschleierte um 1960, am Rande der kolonialen Moderne. Und am Rande von Graz wird über alle Kulturjahre hinaus des starken Sohns der Stadt gedacht: Das „Fitness-Paradies“ im Arnold-Schwarzenegger-Stadion hat ein „Schwarzenegger-Museum“ eingerichtet, mit 150 Kindheitsfotos und den historischen Geräten, an denen der erste Mister Universum der Steiermark einst seinen jungen Body buildete. Da schlagen wir als Tonbandeinspielung nur noch Arnold Maria Schwarzeneggers berühmtes Gedicht „Der Expanther“ (auch „Der Expander“) vor: „Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte, / der sich im allerkleinsten Kreise dreht, / ist wie der Tanz von Kraft um eine Mitte, / in der betäubt ein großer Wille steht...“

Heute nun steigt die letzte Premiere in Graz 2003: eine Kunstmodenschau von Lisa D., mit Performance, Fetischobjekten und der Musik vom Ensemble zeitkratzer aus Berlin. Das war’s dann. Und Europas Kulturhauptstadt 2004 heißt Genua.

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