Kultur : Die Kunst der Frechheit

So lustig war das alte West-Berlin: Eine CD-Edition erinnert an die Blütezeit der Stachelschweine

Thomas Lackmann

Der nagelneue Saal im Keller des WestBerliner Vorzeigehochhauses erzittert unter Artillerieeinschlägen. Auf der Bühne verabschiedet sich die Crew des Führerbunkers. Eine Münchner Freundin Eva Brauns platzt herein, fragt nach dem Polterabend. „Der war schon,“ lautet die hintergründige Antwort. Wo der Führer denn sei? „Der ist ... hmr ... im Garten.“ Bevor der erste Russe reinstapft, verabredet man sich – für zwei Jahrzehnte später. Es ist der 9. Juni 1965, die erste Premiere der Stachelschweine im Europa-Center. Zur „Party am Rhein“ lassen gewendete NS-Politiker, Generale, SS-Führer und Adjudantinnen bei Letkiss-Klängen Korken knallen. Alle – bis auf den kleinen SS-Mann aus der Reichskanzlei, der lange in Sibiriens Gruben schuftete und jetzt als Aushilfskellner jobbt – sind glänzend etabliert beim Film, im Parlament, in der Armee, in katholischen Verlagen. Da knallen auch sarkastische Pointen. „Solange die Staaten sich nur Lehrer für 600 Mark leisten können, bleiben die Völker so dämlich, dass sie sich Kriege für 600 Milliarden leisten müssen“, schmunzelt ein Militär. „Ich bitte Platz zu behalten und die Vergangenheit aus dem Spiel zu lassen,“ mault die SPD-Abgeordnete. Ein Tablett fällt scheppernd zu Boden.

„... und vor 20 Jahren war alles vorbei“ hieß das 32. Programm der Stachelschweine, mit dem die Satiriker 1965 – von ihren ersten Wilmersdorfer Boheme-Stationen „Badewanne“, „Nürnberger Trichter“, „Ewige Lampe“ – in den Shopping-Center-Schick der Sixties umgezogen waren. Ein solches Startsignal unterm Turm des Aufbaus West setzte damals, als Piekser noch pieksten, subversive Akzente. Leider ist gerade diese Szenenfolge in der ambitionierten, als Denkmal des Berliner Literarischen Kabaretts gedachten CD-Edition von Bear Family Records nicht aufgenommen worden. Außerdem hat der Radioprofi Goetz Kronburger die acht Tonträger mit unerträglichen Zwischenmoderationen versehen. Kontextinfos, die ins (reich illustrierte) Begleitbuch gehörten, verquirlt seine rezensentische Suada zu insgesamt 39 Minuten Geschwätz. Da wird die Begegnung mit interessanten Aufnahmen der Jahre 1953 bis 1982 zur Qual.

Wieso das Label Bear Family, berühmt für historische Liebhaberkassetten, die schönen O-Töne verhunzen ließ, wissen die Götter. Zur Editionspräsentation im Stachelschwein-Domizil oktroyiert Kronenburger den Kabarettfans auch noch PR-Geplauder ohne Ende, worauf diese – empört über das Butterfahrtgehabe – ihr Eintrittsgeld zurückfordern. Eine Realsatire? Nach der Pause wird die Peinlichkeit durch den Auftritt leibhaftiger Stachelschweine nicht wirklich wettgemacht. Das aktuelle Programm „Kassenkrampf“ bedient nur wohlfeilen Politikverdruss. Aus der Affirmationsfalle des bürgerlichen Kabaretts, das offene Türen einrennt, kommt dieser Mecker-Blues kaum heraus. Wer die Politikerkarikaturen an der Wand und im Foyer das Trümmerpanorama sieht, das Foto des seligen „Mr. Stachelschwein“ Wolfgang Gruner neben dem staatstragenden Porträt Horst Köhlers, der ahnt, wie dieses Ensemble davon zehrt, mal Institution gewesen zu sein: für die Bonner/West-Berliner Republik.

Die Blütezeit des Nachkriegskabaretts, das wie eine Synthese aus Kanzel, Volkstheater und Journalismus den entnazifizierten Germanen die Kunst öffentlicher Frechheit vorführte, ist nach der 68er-Zäsur nicht zurückgekehrt. Bis dahin hatten vier Institute den Satire-Olymp regiert: das Düsseldorfer Kom(m)ödchen kam am intellektuellsten, die Münchner Lach- und Schießgesellschaft vergleichsweise scharf daher, während Ost-Berlins Distel auf Stasizensuren und WestBerlins Stachelschweine auf den Schulterschluss im Inselkiez Rücksicht nahmen. Anders als Berlins unvergessene Insulaner überwanden die Stachelschweine den Wagenburg-Appeal des Kalten Krieges. Mag Opas Kabarett seit dem Agitprop der siebziger Jahre, seit der Comedyinflation danach als altbacken gelten: Die Ausgrabung ihres Oeuvres belegt, wie gut Aufklärungsentertainer und Autoren damals das Handwerk verstanden.

Ziemlich beliebig gewählte Ausschnitte von zwölf aus 64 Programmen dokumentieren einen Abschnitt kleindeutscher Historie. Das Wirtschaftswunder und die „Wucht am Rhein“, TV-Nation und Studentenproteste („Schießt den Lummer auf den Mond, damit der Aufwand wieder lohnt“) werden aufgespießt. Vor allem aber Themen stachelschweinischer Kernkompetenz: Nazierbschaften, Halbstadtneurosen, Zweistaatlichkeitsgrotesken. Günther Pfitzmanns „Köpenickiade“ (1956) pointiert Kontinuität so: „Wenn nur der Richt’ge kommandiert, dann machen alle mit. Wenn man nur richtig Geld dabei verdient, verkauft man sich ganz unverblümt, und alle machen mit.“ Schutzwallmaurer Wolfgang Gruner nimmt auf seine Art den Historikerstreit vorweg: „Früher mussten die Leute ihre Gruben selber ausheben, heute müssen sie ihre Mauern selber mauern“ (aus „Selten so geweint“, 1962). Als ein Vopo türmt und drei von vier Genossen in die Luft schießen, lautet die Fortschrittsbilanz: „Bei Hitler hätte nur einer in die Luft geschossen, det is der Unterschied zwischen damals und heute.“

Moralische Botschaften mit Jux aufmischen: Dafür steht vornehmlich Knalltüte Gruner. Wenn der als Parteihäuptling im Sketchinterview „Berliner Filz“ (aus: „Kreishauptstadt Berlin“ 1978) mitteilt, Rosengießen mache einen „schlanken Fuß“, und zugleich warnt, der Rundfunkratsvorsitzende sei Partner seiner Kanzlei, weht ein Hauch der Ära Diepgen durchs Erinnerungslokal. Zu den zwerchfellerschütternden Stachelschwein-Stars von einst zählt auch der gutturale Brandt-Imitator Achim Strietzel („Liebe Berlinerinnen und Berliner“). Dornröschenzauber, Überlebensenergie und Mief unter einer urbanen Käseglocke, die keiner hätte erfinden können, kehren tönend zurück: „Zwischen Halensee und KaDeWe spürst du den Pulsschlag einer großen Stadt, die nach den Jahren der Misere ihre alte Atmosphäre noch immer nicht verloren hat. Wenn man von Halensee zum KaDeWe den alten Ku’damm runterfährt, dann stellt man immer wieder fest, hier ist der Treffpunkt Ost und West“ (1953).

Bewegende Sketche illustrieren Zerreißproben der Teilung: wie die Geschichte zweier winkender Schwestern diesseits und jenseits der Bernauer Straße, die sich auf der Krim treffen müssen. Im Blick auf die Gegenwart stoßen aktuell verjährte Solidaritätsadressen für Berlin auf und – „solang noch Untern Linden die anderen regieren“ – bittere Einheitsfantasien. „Berlin wäre wieder richtige Hauptstadt“ und „Daran mag ich gar nicht denken, an den Tag der Wiedervereinigung ... So ein Tag, so wunderschön wie heute“ heißt es in der „Kyffhäuser-Szene“ (aus „Unser kleiner Staat“, 1964). Im Gershwin-Quodlibet singt man 1961: „Ein Stein vom Volksaufstand / wär schön für an die Wand“ (zu „The Man I Love“). Schon 1956 beschwört ein „Spekulativer Chor“ das „Einheitslippenbekenntnis“ und den St.-Nimmerleins- Dies-Irae aller Besitzstandswahrer: „Wenn auch die dazugehören, würden sie empfindlich stören.“ Ein Tabu fällt scheppernd zu Boden.

Die 8-CD-Box „Die Stachelschweine. Berliner literarisches Kabarett“ (76,69 €) ist bei Bear Family Records erschienen.

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