Kultur : Die Kunst der Lektüre

KNUT EBELING

Es gibt Arbeiten verschiedener Künstler, deren Erscheinung so unterschiedlich ist, daß man sie glatt als entgegengesetzt katalogisieren könnte - stieße einen nicht ein Fingerzeig auf einen tieferliegenden Zusammenhang, der dem oberfächlichen Blick entgeht.Normalerweise ist dieser Fingerzeig - der Bezug vom Ästhetischen zum Geschichtlichen - Aufgabe von Museen.Sie haben Zeit und Handapparat, um sich dem kulturellen und nicht dem kapitalen Wert der Werke zuzuwenden.Galeristen entgehen derlei strukturelle Analogien zumeist.Zwischen dem letzten Atelierbesuch und der nächsten Messe fehlt die Muße des analytischen und marktunabhängigen Blicks, der sich der Erkenntnis der Werke und nicht deren Verkauf widmet.Galeristen lesen meistens nicht ihre Werke, sondern deren Börsenbericht.

Daher ist es Rainer Borgemeister um so höher anzurechnen, wenn er die Muße höher veranschlagt als den Markt und mitten im Messegetümmel von Mitte seine Verkaufswand zu einer Museumswand macht.Dort zeigt er uns, was nur dem Kenner auffällt: Daß es eine Verwandtschaft gibt zwischen zwei maßgeblichen Künstlern der vergangenen Jahrzehnte, die man nur schweren Herzens nebeneinanderhängt - und zwar zwischen dem Protagonisten der englischen Pop-Art, Richard Hamilton, und Marcel Broodthaers, dem postsurrealistischen Buchstabenkünstler.

Die gezeigten Arbeiten könnten konträrer kaum sein: Dem gewohnt trockenen Scrabblespiel von Broodthaers stellt Borgemeister den deftigen Humor von Hamilton gegenüber, der in der Manier eines Bubenstreiches Scheißhaufen vor kitschige Postkartenmotive pinselt.Wo Hamilton schallend loslacht, hält Broodthaers introvertiert inne.Die Opposition läßt sich bis in die Titel der jeweiligen Werkreihen ausdehnen: Nennt Hamilton seine Sonnenuntergänge und Blumenstücke naiv und unbedarft "Sunsets" und "Flowers", entgegnet ihm Broodthaers mit der apokalyptischen Geste des Intellektuellen.Sein erstmals bei Borgemeister gezeigter Zyklus nennt sich "La fin du monde".

Doch nur die Phänotypen sind verschieden, der Genotypus ist identisch: Beide Zyklen, "La fin du monde" wie der Kitsch Hamiltons, wenden die künstlerische Produktion zurück auf den Modus ihres Produzierens.Beide Künstler lassen die Darstellungsformen der Kunst ihre eigenen Verfahren durchbuchstabieren.Während Broodthaers das Zustandekommen von Bedeutung im sprachlichen Kontext untersucht, widmet sich Hamilton den Darstellungsweisen des Visuellen.Beide Künstler interessieren sich nicht für die Verbreitung von Inhalten, sondern für die Weise ihres Zustandekommens.

Wenn Broodthaers ein Puzzle von Worten und Buchstaben konstruiert, das man zu verschiedenen Sinnkonstellationen zusammenbasteln kann, und wenn Hamilton unterschiedliche Zustände einer bunten Blumen-Radierung zeigt, deren Druckphasen analytisch in die Grundfarben aufgesplittet werden, dann dringen beide in den Prozeß des Werkes ein, anstatt ein Werk als Produkt zu zeigen.

An dieser Stelle der Lektüre, die Rainer Borgemeister seinen Künstlern angedeihen läßt, offenbart sich die historische Dimension seiner Ausstellung.Und zwar verdeutlicht der zweifach beschriebene Übergang vom Produkt zum Prozeß exemplarisch eine Veränderung künstlerischen Handelns im Übergang von den exoterischen sechziger zu den esoterischen siebziger Jahren - ein Übergang, wie er von der letzten documenta paradigmatisch durchgespielt wurde, in der Broodthaers wie Hamilton eine gewichtige Rolle spielten.Egal wie richtig oder falsch derlei Epocheneinteilungen sein mögen: Allein die Muße des Galeristen - seine Kunst der Lektüre - entzückt den Betrachter.

Galerie Rainer Borgemeister, Rosenthaler Straße 40, Hackesche Höfe IV, bis 10.Oktober; Dienstag bis Sonnabend 14-19 Uhr.

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