Kultur : Die Kunst der Lüge

LESUNG

Stephanie Wurster

Fast gleichzeitig mit der großen Werkschau des niederländischen Stararchitekten Rem Koolhaas „Content“ wurde am Wochenende im Berliner Büro Friedrich die Ausstellung „Higher Truth 2“ eröffnet, eine Installation zu Mode und Einkaufen, die davor in Holland zu sehen war (noch bis 10. Januar 2004, Holzmarktstraße 15-18, Di-Sa 12 bis 18 Uhr). In der Neuen Nationalgalerie kam am Sonntag beides zusammen. Das Büro Friedrich lud zu einem Nachmittag über „Shopping und Branding“ ein, also über die Kunst, Geld für Dinge auszugeben, die man nicht braucht, aber das Selbstwertgefühl steigern. Der Autor Ingo Niermann stellte sein jüngst fertiggestelltes Buch „Minusvisionen“ vor, das Protokolle von 15 gescheiterten Unternehmern versammelt – viele aus der Hauptstadt, einige aus der New Economy. So die Geständnisse des Unternehmers Jens Thiel, der mit dem Café-Konzept „Jens & Friends“ am Checkpoint Charlie baden ging, ein ziemlich typisches Beispiel für die gewagten Nischenangebote, für die weder Berlin noch die Börse vor ein paar Jahren bereit waren („Minusvisionen. Unternehmer ohne Geld“, edition suhrkamp, Frankfurt am Main 2003, 12 Euro). Niermann las die Geschichte eines veritablen Hochstaplers vor, der sich nicht zu erkennen geben will und mit Betrügern der Weltliteratur wie Felix Krull oder Frank W. Abagnale (dem Vorbild für Spielbergs „Catch me if you can“) mühelos mithalten kann. Die Wünsche, die sich der Anmaßungskünstler mit ergaunertem Geld erfüllt – schöne Reisen und Kleider, feines Essen und letztlich eine hohe gesellschaftliche Position – treffen das Herz einer Shopping-Kultur, für die der Konsumtheoretiker Rem Koolhaas faszinierend funktionale Paläste baut. Zuletzt für Miuccia Prada.

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