Kultur : Die Kunst der Passivität

Bruce Naumans neueste Installation im Kölner Museum Ludwig

Michaela Nolte

Einmal durch das Atelier von Bruce Nauman streifen, Entwürfe für neue Videos und Installationen am Entstehungsort betrachten, mit dem Künstler in Skizzen und Zeichnungen stöbern – welcher Kunstfreund würde da nicht neugierig. Doch von Nauman war kein lapidarer Film über den Künstler an der Geburtsstätte seines Genius zu erwarten. Mit „Mapping the Studio (Fat Chance John Cage)“ hat der 1941 geborene Amerikaner erneut ein Werk geschaffen, das in seiner radikalen Reduktion und Aufgeladenheit den Betrachter in seinen mysteriösen Bann zieht und gleichsam auf die Probe stellt.

In 42 Nächten hat eine feststehende Infrarotkamera jeweils eine Stunde lang das menschenleere Atelier in New Mexico aufgezeichnet. Man sieht einen Stapel Neonröhren, drei Stühle oder eine Transportkiste. Hinter einem französischen Fenster klafft die Nacht, die Sprühdosen auf dem Boden sind irgendwann so geisterhaft verschwunden wie die Farbtöpfe neben einem Waschbecken. Zwischenzeitig war der Künstler im Atelier: zu sehen ist lediglich, was von ihm übrig bleibt.

Wollte man die sieben raumumspannenden Projektionen lückenlos anschauen, würde vielleicht irgendwann ein „No, No!“ durch die Ausstellungshalle schallen wie in Naumans Video „Clown Torture“. Dabei scheint nun das Aggressions- und Gewaltreservoir früherer Arbeiten von außen nach innen gewendet. Die monochromen, grünlichgrauen Bilder strahlen Ruhe aus. Das Spannungspotenzial entsteht in der Erfahrung von Zeit und dem monotonen Rauschen, das von Hundegebell oder vorbeifahrenden Zügen durchbrochen wird. Auf der Partitur am Eingang sind die 899 „Events“ schneller nachzulesen als sie in der sechsstündigen Filmzeit passieren. In seiner Referenz an John Cage zeichnet Nauman akribisch jede Bewegung der Mäuse, jedes Flattern von Motten, Kojotengeheul und Regenprasseln inklusive der Zeitnotation nach.

Wie Kafkas Landvermesser K., der über 300 Seiten „Das Schloss“ umkreist, ohne es zu erreichen, gerät Naumans Vermessung des Ateliers zur labyrinthischen Struktur, die sieben Pfade zu einem Ort legt, doch nie zum Objekt der Begierde vordringt. Der suggerierte Panoramablick evoziert eine Kreisbewegung des Betrachters, der Kreis schließt sich nicht. Ein offenes Ende ohne Erzählung. Anstelle der produktiven Kultstätte scheint Nauman auf die etymologische Herkunft des Begriffs Atelier zu rekurrieren: den „Haufen von Holzspänen“. Konkrete Bezüge zum Künstler bieten nur zwei Köpfe, die achtlos an einer Wand lehnen; man kennt sie aus seinen Wachsobjekten und Installationen.

Stündlich verlässt Nauman sein Atelier, doch ohne seine Identität preiszugeben. Die schweren Stiefelschritte mögen an Fotos erinnern, die ihn mit Cowboyhut zeigen. So wie sein Gesamtwerk alle erdenklichen Medien durchkreuzt, hat er auch stets sein offizielles Selbst gewandelt. „Mapping the Studio“ zeigt einen Mann, der mal als Schulterfragment, mal in der Rückansicht aus dem Nichts auftaucht und ins Ungewisse verschwindet. Binnen Sekunden ist der Ort freigegeben für das nächtliche Treiben der Mäuse und der Katze. Aber selbst die Hatz zwischen Jäger und Opfer findet nicht statt. So gelassen wie die Maus aus dem Verschlag kriecht, hockt die Katze in ihrer Mauernische.

Das Katz-und-MausSpiel entspinnt sich zwischen Künstler und Betrachter. Bruce Nauman hat es dem Betrachter nie leicht gemacht. Bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus ist er nicht erst mit seinem epochalen „Anthro/Socio“ auf der Documenta 9 gegangen. Das Atelier als Plattform einer künstlerischen Handlung tauchte bereits in den 60er Jahren in seinen Videos, Performances, Fotografien auf. Überführte Nauman die Kunst damals vom Produktcharakter in die Tätigkeit, so scheint er mit „Mapping the Studio“ bei einer Kunst der Passivität angelangt.

Museum Ludwig Köln, bis 11. Mai.

www.museum-ludwig.de

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