Kultur : Die Kunst der Überschreitung

GERWIN KLINGER

Es fällt schwer, an einen Zufall zu glauben.Der Schweizer Fotoreporter Daniel Schwartz hatte sich zu einer Erkundungsfahrt aufgemacht, um die vielfältigen Umgangsweisen mit dem "Geld" im Bild festzuhalten, bevor dieses handfeste Zahlungsmittel vollends verschwindet, abgelöst durch das elektronisch beschleunigte Geld der Globalisierung: Digital-cash und whire-money, die bild-animierte Finanztransaktion per Mausklick, in jeder Höhe, weltweit und in Echtzeit.Seiner Reise im internationalen Strom des Geldes, von der Burma Road bis zur Wall Street, führte ihn unversehens an die Schauplätze der internationalen Finanzkrise, die einen sicheren Hafen nach dem nächsten in ihren Strudel reißt.Seine Fotos zeigen die manifeste Krise: die chinesischen Geschäfte, die bei den Unruhen in Java geplündert wurden; im Moskau der Rubelkrise protestieren Bergarbeiter aus Wokuta vor dem regierungslosen Weißen Haus; ein Bettler schaut sehnsüchtig auf den Tisch zweier gepflegter junger Frauen in einem ehemaligen Nomenklatura-Restaurant.Daneben subtile Krisen-Erscheinungen: der Board-Room der US-Notenbank, schicksalsträchtig ist er von einem kalten Lichtstrahl durchschnitten; oder das von den sinkenden Kursen zart überschmerzte Paar beim tête-a-tête vor der Bank of England.

Die Bild-Reportage gehört zu einer hoch anspruchsvollen Unternehmung, die den Wert und die Aktualität des klassischen Reise-Essays erweisen wollte.Der literarischen Reportage haftet nämlich in der Ära des audiovisuellen Infotaiments und der Fastline-Newsservices behäbige Antiquiertheit an.Vor allem in Deutschland.Anders als in den USA, wo sich ein auflagenstarkes Magazin wie der "New Yorker" diesem Genre verschrieben hat, sind hierzulande alle Versuche, die Traditionslinie eines Egon Erwin Kisch, Joseph Roth, Franz Hessel, Siegfried Kracauer oder Walter Benjamin nach der Nazi-Zeit wieder aufzugreifen, gescheitert.Was also kann die Reportage heute im Zeichen der Globalisierung leisten?

Die Zeitschrift "Lettre International" schickte in Verbindung mit dem "Haus der Kulturen der Welt" und dem "Goethe-Institut" international renommierte Autoren aus, die Lage einzelner Regionen konkret zu erfahren, zu beschreiben.Die Texte, die aus diesem Experiment hergegangen sind, überzeugen: Dichte, durchreflektierte und literarisch verarbeitete Erfahrungsberichte aus den Randzonen und abgeschlagenen Standorten der Welt: Die Erzählung von Abdelwahab Meddeb aus Tunesien führt in das überwältigende Stimmengewirr der Mega-Polis Kairo, in die Polyphonie aus Sufi-Musik und Gebet; wo die Familien der Müllfahrer den Unrat, ihren einzigen Lohn, nach Verwertbarem durchkämmen.Die Reise des Briten James Hamilton-Pattersons wiederum führte in abgelegene Orte: in Küstendörfer Neufundlands, die auf Sozialprogramme angewiesen sind, weil die Gewässer überfischt wurden; auf Höfe australischer Farmer, geprägt durch Rinderzucht und Funkverkehr und durch die bange Frage, ob die Kinder nicht wegziehen werden.Lieve Joris aus den Niederlanden hat eine Gruppe Jugendlicher im Kongo begleitet, die sich als Schmuggler durchschlagen; deren Existenz gründet auf die immer neuen Grenzen, die der Bürgerkrieg durch das Land zieht.Peter Matthiessen aus den USA bereiste mit einer Expedition russischer Ornitolgen die Antarktis: eine kenntnisreiche und gleichermaßen sensible Schilderung gewaltiger, immer noch intakter Natur; getragen von der Überzeugung, daß es nicht die internationalen Abkommen sind, die diesen Riesenvorrat reinen Urwassers bislang vor der Verwertung bewahrt haben, sondern einzig die technische Unüberwindbarkeit der eisigen Kälte der Polkappe.

Bei der gemeinsamen Präsentation im "Haus der Kulturen der Welt" fügen sich die Reportagen bei aller Disparatheit zu einem beunruhigenden, eindrücklichen Gegenbild dessen, was als Versprechen im Wort "Globalisierung" immer mitklingt: Die Welt findet nicht zusammen zur internationalen Gemeinschaft und zur gesellschaftlichen Menschheit, sie ist zerrissener denn je.Die Medien dieses global village setzen auf Schnelligkeit, Bildhaltigkeit und verwertbare Fakten.Dies setzt eine Dynamik in Gang, die unter dem Diktat der Einschaltquote allein der momentanen Aktualität gehorcht.Die neuen Informationsdienste bringen in ihrer Apparathaftigkeit journalistische Persönlichkeiten mehr und mehr zum Verschwinden.Der Stoff wird entweder zum Häppchen für die Info-Elite aufbereitet, oder der Journalismus dankt ganz ab: Als der Starr-Report und der Rohschnitt des Clinton-Videos freigegeben wurde, beschränkten sich die meisten Redaktionen darauf, die Sache eins zu eins durchzuwinken.Dagegen steht hier die gute alte journalistisch-literarischen Reportage mit ihren Stärken: der Augenzeugenschaft, der authentischen subjektiven Erfahrung und der Reflexion, gestützt auf profunde Kenntnis der Geschichte und der Kultur eines Landes.

Diese Reportage lebt, das zeigte das Gespräch im "Haus der Kulturen", vom Geschick des Reporters: Er muß die Grenze zur fremden Kultur, zum Andren, überschreiten, Kontakt aufnehmen und diese Passage schreibend nachvollziehbar machen.Er ist dabei ohne dazuzugehören; er sucht die Nähe ohne die Distanz zu verlieren.Dabei macht er sich selbst zum Instrument einer Fremdheitserfahrung: Die andere, unvertraute Wirklichkeit filtert er an seiner Erfahrung, seinem Gefühl, Verstand und Erleben.Ein Prozeß, der sich gegen die Einordnung ins literaturwissenschaftliche Kategoriensystem sperrt.Wie groß kann der fiktionale Anteil sein? Wie grenzt sie sich ab gegen Journalismus und Literatur? Welche Formen kann sie annehmen: Tagebuch, Dialog, Story, innerer Monolog? Wieviel Vorkenntnisse sind nötig? Solche Fragen der beiden Moderatoren Frank Berberich und Bernd Scherer stießen bei den Reportern auf wenig Verständnis.Sie schienen ihnen praxisfremd."Niemand weiß genau, was eine Reportage ist", entgegnete James Hamilton-Paterson."Wir machen sie.Wir schreiben auf, was wir erleben, und hoffen, daß das, was wir schreiben, Literatur wird."

Die Autoren haben nachgedacht über das, was sie tun, anhand von Beispielen.Immer wieder wurde dabei die wichtige Rolle der Kontaktaufnahme betont.Lieve Joris spricht von dem tagelangen Warten, bis "es" dann passierte und die Schmuggler sie unvermutet ins Vertrauen zogen.Abdelwahab Meddeb legte, um in den Islam einzutauchen, seine erworbene Unglaubigkeit für einen Moment wieder ab, und wiederholte in der Moschee die religiösen Rituale seiner Kindheit.Er wollte so die "Notwendigkeit des Gebets" noch einmal am eigenen Leib erfahren.László Krasznahorkais Reportage über seine Reise nach China ist gar das überaus witzige und selbstironische Protokoll gescheiterter interkultureller Kommunikation.Denn oft schlägt dem reisenden Autor massive Ablehnung entgegen.Das mußte z.B.Peter Matthiessen erfahren, als ihm beim allgemeinen Kaffeetrinken ostentativ keine Tasse gegeben wurde.Zu seinem Glück konnte er durch ein Lachen an der richtigen Stelle die Situation entblockieren.- Sensibilität für Zeit und Situation, die richtige Balance von Abwarten und Handeln: diese Faktoren und das Glück entscheiden über den Kontakt - damit über das A und O der Reportage.Ihre Praxis gehorcht keinen festen Regeln, man muß sie machen, wenn man wissen will, wie es geht.Dann müßte sie nur noch jemand drucken - und lesen.

Die Fotoausstellung "Der Fluß des Geldes.Von Burma Road zur Wall Street" ist bis zum 25.10.im "Haus der Kulturen der Welt" zu sehen.Die Reportagen "Weltreporter unterwegs" sind abgedruckt in: Lettre International 42/1998 (17 DM).

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