Kultur : Die Kunst der Zerstreuung

Immer weniger Geld steht Berlins Staatlichen Museen für Ausstellungen zur Verfügung, immer öfter wird die Nationalgalerie vermietet. Es fehlt an einem übergreifenden Konzept für die verschiedenen Häuser

Ulrich Clewing

Vor einigen Monaten bot sich den Besuchern der Neuen Nationalgalerie ein gewohntes Bild in ungewohnter Umgebung. In der großen Halle des Mies-van-der-RoheBaus warteten freundliche junge Damen, die Prospekte verteilten, in denen man alles über das ebenfalls anwesende neue Oberklasse-Modell eines großen deutschen Automobilherstellers erfahren konnte. Das Museum als Showroom: Das sollte kein Einzelfall bleiben. Schon bald stand dort der nächste Wagen, ein „Art-Car“ bayerischer Provenienz, gestaltet von der Amerikanerin Jenny Holzer, was zunächst nach Kunst klingt, den merkantilen Hintergedanken aber nur notdürftig kaschiert.

Selbstverständlich gab es das nicht umsonst. Als Gegenleistung zahlte der eine Hersteller 100000 Euro in die Kasse der Staatlichen Museen, der andere übernahm die Kosten für die aktuelle Neoninstallation von Holzers Landsmann Keith Sonnier. Beides, das bare Geld wie die Unterstützung bei Produktionskosten von Ausstellungen, haben die Museen dringend nötig. Denn die etwa 130 Millionen Euro, welche die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (zu der nicht nur die Museen, sondern auch die Staatsbibliothek sowie das Geheime Staatsarchiv und das Ibero-Amerikanische Institut gehören) pro Jahr von Bund und Ländern für ihren Betriebshaushalt erhalten, sind zwar kein Pappenstiel. Der größte Teil davon wird jedoch für Löhne und Gehälter der rund 2000 Stiftungsmitarbeiter verwendet.

Die Summen, die dann noch für den Betrieb der Museen zur Verfügung stehen, sind weit weniger eindrucksvoll. Ankäufe sind ohne Sponsoren schon lange nicht mehr möglich. Der Ausstellungsetat für alle 16 Museen und ihre Dependancen beträgt inklusive Drittmittel 5,5 Millionen Euro. Das ergibt pro Museum etwa 343000 Euro – auch damit lassen sich keine großen Sprünge machen. Noch karger ist es um die museumseigenen Publikationen bestellt: 43000 Euro für jedes Haus, das reicht nur für ganz dünne Bücher.

Daher ist es längst üblich, dass Räumlichkeiten der Staatlichen Museen an private Unternehmen vermieten – bisher allerdings nur für einmalige Veranstaltungen außerhalb der Öffnungszeiten. Die intern stark umstrittenen Autopräsentationen markierten einen Wendepunkt, den nicht wenige als den Sündenfall empfinden: Eine derartige Zweckentfremdung der Neuen Nationalgalerie war bis dahin noch nicht vorgekommen.

Danach ging es munter weiter. Die rotgrüne Regierung unterzeichnete hier ihre Koalitionsverträge, Marius Müller-Westernhagen drehte während des Kanzlerduells den Videoclip für seine neue Single mit einer großen Party, auch Versteigerungen fanden statt, zuletzt zugunsten der flutgeschädigten Dresdner Kunstsammlungen. Nur von der Kunst war in der Mies-Halle in diesem Jahr nicht viel zu sehen. Und die Sonnier-Installation nimmt man auch im Vorbeifahren mit, dazu braucht man nicht einmal extra anzuhalten – das besorgt die Ampelschaltung am Potsdamer Platz.

Die Berliner Museen sind in einer paradoxen Situation: Sie geben ihr Bestes und bleiben dabei unter ihren Möglichkeiten. Einerseits sind da die großen (Master-)Pläne, die Wiedervereinigungen, Museumsgründungen und glanzvollen Eröffnungen wie jene der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel vor einem Jahr. Peter-Klaus Schuster, Generaldirektor der Staatlichen Museen, hat in seiner gut dreijährigen Amtszeit sowohl beim Einspannen potenter Geldgeber als auch bei der Sammlungsaquisition durchaus Erfolge vorzuweisen. Das Weihnachtsgeschenk, das Kanzler Gerhard Schröder Berlin mit dem Ankauf des Großteils der Sammlung Berggruen 1999 machte, sicherte der Stadt eine der schönsten Privatkollektionen der klassischen Moderne. Auch die Erwerbung der Sammlung Marzona mit Werken der sechziger und siebziger Jahre in diesem Frühsommer war ein Glücksfall. Auf einen Schlag wurde die große Fehlstelle im Bereich von Fluxus, Land Art, Minimal Art und Konzept-Kunst geschlossen. Ähnlich sieht die Sache bei der Sammlung des Züricher Industriellenerben Friedrich Christian Flick aus, die – falls sie nach Berlin gelangt – Schusters größter Coup werden könnte.

Auf der anderen Seite hat die schöne Fassade seit geraumer Zeit Risse. Während im Erdgeschoss der Neuen Nationalgalerie die Leere gähnt, staut sich im Untergeschoss die Kunst. Nichts gegen temporäre Ausstellungen wie die „Räume“-Reihe, die assoziativen Kombinationen den Vorzug gegenüber kunsthistorischen Ordnungsprinzipien gibt. Doch der Sonderfall ist zur Regel geworden: In immer neuen Konstellationen erwarten die Bestände den Besucher. Möglich, dass damit bereits die große Ausstellung des New Yorker Museum of Modern Art präludiert werden soll, für die der Mies-Bau ab Februar 2004 vollständig freigeräumt wird. Mit kunsthistorischen Verbindlichkeiten, wie man sie an diesem Ort erwarten darf, hat das jedoch nichts mehr zu tun.

Seit Jahren gleicht die Berliner Museumslandschaft einem Flickenteppich. Es fing damit an, dass der damalige Kultursenator Volker Hassemer im Zuge der Vorbereitungen auf Berlins 750-Jahr-Feier befand, die Staatlichen Museen seien nicht mehr attraktiv genug und bräuchten unbedingt ein neues Zugpferd. Also wurden 1987 die Romantiker ausgegliedert und erhielten im Schloß Charlottenburg mit der „Galerie der Romantik“ ein eigenes Domizil. Mittlerweile sind die Gemälde von Friedrich, Blechen und Carus zwar wieder in den ursprünglichen Sammlungskomplex der Alten Nationalgalerie integriert. Doch dafür sind neue Häuser entstanden, die einzelne Aspekte der Kunstgeschichte in den Vordergrund rücken, anstatt eine konzentrierte, homogene, das vergleichende Sehen ermöglichende Ausstellungspolitik zu fördern: die Sammlung Berggruen und der Hamburger Bahnhof mit Werken aus der Sammlung von Erich Marx.

Um nicht missverstanden zu werden: Speziell bei der Sammlung Berggruen handelt es sich um ein wundervolles, zudem beim Publikum beliebtes Haus für die Säulenheiligen Cézanne, Picasso, Matisse und Klee. Doch für diejenigen, die sich einen umfassenderen Überblick über die Kunst des 20. Jahrhunderts verschaffen wollen, heißt das, Distanzen zu überbrücken, die in Berlin leicht zu Tagesreisen werden können.

So verteilt sich die Kunst der letzten hundert Jahre auf nicht weniger als vier verschiedene Standorte: die Alte Nationalgalerie, die Neue Nationalgalerie, die Sammlung Berggruen und das Museum für Gegenwartskunst im Hamburger Bahnhof. Angenommen, es gelänge, die Sammlung Flick nach Berlin zu holen, so wäre die Rieck-Halle am Hamburger Bahnhof das fünfte Haus, das Kunstwerken des vergangenen Jahrhunderts gewidmet ist. Und das bedeutet, dass immer mehr Werke isoliert, Chronologien weiter zerstückelt und stilgeschichtliche Zusammenhänge noch stärker verunklart werden. Ein museologisch konziser Gesamtentwurf lässt sich nicht mehr ausmachen.

Einen solchen Entwurf zu liefern und umzusetzen, wäre Schusters Aufgabe. Er ist nicht nur Generaldirektor der Staatlichen Museen, sondern darüber hinaus als Direktor der Nationalgalerie verantwortlich für alle genannten Institutionen, zu denen sich noch die Friedrichwerdersche Kirche sowie das groß angekündigte, bislang aber noch kaum erkennbare Centrum für Photographie gesellen. Aber vielleicht liegt ja gerade in dieser Ämterhäufung das Problem. Schuster will zu viel, vor allem will er es selbst tun – und dabei kommen konzeptuelle Überlegungen zu kurz. Der Blick in die Ferne, den der Generaldirektor so gerne wagt, mag glorreiche Perspektiven bieten. Die Gegenwart jedoch bereitet Sorgen.

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