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Die Kunst des Aufhörens : Schluss jetzt!

29.12.2012 00:00 Uhrvon
Abschied von gestern. Daniel Craigs 007 verlässt in „Skyfall“ Bonds Elternhaus im schottischen Hochland. Foto: Flynet PicturesBild vergrößern
Abschied von gestern. Daniel Craigs 007 verlässt in „Skyfall“ Bonds Elternhaus im schottischen Hochland. Foto: Flynet Pictures

Es ist nicht leicht abzutreten. Über Meister und Stümper dieses Fachs, nicht nur 2012.

Schon mal von den Dubliners gehört? Die irische Folkband wurde vor 50 Jahren in einem Pub gegründet und sieht heute genauso aus, wie man sich irische Folk-Veteranen so vorstellt, bärtig, zauselig, sympathisch. Am Sonntag wollen die Herrschaften ihr definitiv letztes Konzert geben, in Dublin natürlich.

Man kennt das, diese Bands, die ihre Auflösung bekanntgeben und trotzdem in leicht veränderter Formation wieder auftauchen, die erst die letzte, dann die allerletzte und die allerallerletzte Tour annoncieren, als Zombies ihrer selbst. BeachBoy-Fans können ein Lied davon singen, James-Last-Freunde auch. Dann lieber die Never Ending Tour à la Bob Dylan oder das ewige Leben der Stones.

Dieses Jahr haben Wir sind Helden und Rosenstolz ihr Ende bekanntgegeben, Bier Mösl Blosn luden zum Abschiedskonzert. Klare Ansagen sind da für alle Beteiligten das Beste, für die Fans wie für die Band-Mitglieder, frei nach George Harrisons schlagfertiger Replik auf die wiederholte Nachfrage, wann denn die Beatles mal wieder ...: „Es wird keine Beatles-Reunion geben, so lange John Lennon tot ist.“

Aufhören ist eine hohe Kunst, nicht nur im Pop. Eine Frage des Timings, der Übereinkunft, der Wortwahl, des Stils. 2012 war ein gutes Jahr, um die Kunst des Aufhörens zu studieren, viele haben Schluss gemacht, sind ausgestiegen oder zurückgetreten. Wie in allen Künsten gibt es Meister und Virtuosen dabei, Improvisationsartisten, Spieler und Stümper. Ballack zum Beispiel. Im Oktober gab der Capitano seinen definitiven Abschied vom aktiven Fußball bekannt, nach 267 Bundesligaspielen, 98 Länderspielen, Zank mit Jogi Löw, Hin und Her zwischen Chelsea und Leverkusen, ohne internationalen Titel und ohne offizielles Abschiedsspiel. Ballacks Abgang: kein Finale furioso, eher unaufgeregt, erwartbar – Ende eines Unvollendeten.

Oder Christian Wulff, der peinlichste Aufhörer des Jahres. Am 17. Februar legte er nach Kredit-, Urlaubsdomizil-, und „Bild“-Anruf-Affären das Amt des Bundespräsidenten nieder, nicht gerade freiwillig. Das war beschämend für ihn selbst, das Amt und die gesamte Nation – vom Bettina-Wulff-Nachspiel zu schweigen. Oder das Aus für Schlecker: Erst mussten im März rund 2000 Filialen schließen, dann machte die insolvente Drogeriekette Tabula rasa. Über 5000 Läden traf es im Sommer, 13 200 Beschäftigte verloren ihren Job. Ein Drama ohne Katharsis. Die Schließungen in der Printbranche, die Hiobsbotschaften von der „Final Times Deutschland“ und der FR nehmen sich dagegen fast wie eine Farce aus.

Apropos Theater: Auf der Bühne ist die Endlichkeit seit jeher vorprogrammiert. Katharsis im Theater bedeutet, dass etwas sich überlebt hat. Ein König stürzt, ein Reich geht unter, auf dass eine neue Welt ersteht. Von der „Orestie“ über „Ödipus“ und „Antigone“ bis zu „Hamlet“ oder „Woyzeck“ ist es immer das Gleiche: Am Ende sind die Helden tot, der Vorhang fällt und das Publikum geht nach Hause. Oder der letzte Augenblick dauert eine kleine Ewigkeit lang, wie bei Tschechow oder Beckett, diesen Endspielmachern.

Das Berliner Kulturjahr 2012 war ein Jahr der Abtritte, Übergänge und Neustarts. An der Deutschen und der Komischen Oper sowie am Konzerthaus wechselten die Intendanten, Shermin Langhoff steht in den Startlöchern fürs Gorki-Theater, denn Armin Petras wechselt 2013 nach Stuttgart. Und Matthias Lilienthal sagte dem Hebbel am Ufer Adieu. Er bescherte der Stadt die größte Abschiedsparty der Saison, eine veritable Theatersause, mit Weltausstellung auf dem Tempelhofer Feld und einem 24-Stunden-Marathon, für das die HAU-Leute die ganze Stadt zur Bühne erklärten. Ein Meister der Finissage: Lilienthal ging ohne Not, als es am schönsten war.

Der Bassbariton Thomas Quasthoff zelebrierte einen Abschied der besondern Art. Im Januar gab er bekannt, dass er nicht mehr als Sänger auftreten wird, weil die Gesundheit ihm seinen Qualitätsanspruch nicht mehr zu erfüllen erlaubt. Zur Freude des Publikums trat er jedoch bald darauf in Katharina Thalbachs „Was ihr wollt“-Inszenierung am Berliner Ensemble mit Barockarien auf. Verblüffende Alternative: der freiwillige Übergang von der Profi- in die Amateurliga.

Es ist nicht leicht, im rechten Moment aus dem Rampenlicht zu treten, weil man merkt, man kann nicht mehr so, wie man will. Für Sänger wie für Fußballer – also für alle, deren kostbarstes Instrument der eigene Körper ist – bedeutet es einen Kraftakt, auf die eigene Kunst zu verzichten, um sie nicht zu verraten. Christa Ludwig absolvierte diesen Akt nach fast 50 Jahren Opernkarriere einst mit Bravour, auch Dietrich Fischer-Dieskau oder zuletzt der Pianist Alfred Brendel, um bei der Klassik zu bleiben. Es gibt ja auch andere Bühnen, für Sprechgesang, Rezitationen, Lehr- und Trainerkarrieren.

Auch die großen internationalen Ausstellungen, die Documenta und die Architekturbiennale, atmeten den Geist einer neuen Bescheidenheit. Nicht mehr die Künstler und Architekten waren in Kassel und Venedig die Stars, sondern die Bürger, Besucher, Bewohner. Hier wie dort wurde vor allem poetische, sinnliche, versehrte, kurz: flüchtige Kunst präsentiert, keine Manifestationen, sondern Versuchsanordnungen über die Endlichkeit. William Kentridges Zeitmaschinen-Videoinstallation und wenige Meter weiter Lara Favarettos liebevoll arrangierter Metallschrott am Kasseler Kulturbahnhof – zwei künstlerische Inbilder des Jahres.

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