Kultur : Die Kunst des Fragens

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Für alle, die ihr Musikverständnis am schlackenlosen Schönklang Karajans und an dem spätromantisch verwurzelten Kapellmeistertum eines Karl Böhm ausgebildet hatten, war die erste Begegnung mit Michael Gielen eine kalte Dusche: ein Schockerlebnis, das hellwach machte. Und das bisweilen bewusst schmerzlich fühlen ließ, dass Musik nicht nur aus Samt und Seide, sondern auch aus Ecken und Kanten besteht.

Das bloße Musizieren aus dem Bauch heraus, das Brillieren mit selbstbespiegelnder Orchestervirtuosität hat den 1927 in Dresden geborenen Gielen nie gereizt – immer schon war es ihm um die klassische Musik mit einem heiligen Ernst zu tun, der an Strawinskys Diktum erinnert, eine Sünde wider den Text sei immer auch eine Sünde wider den Geist. Seine Unterordnung unter die ehernen Gesetze der Partiturtreue haben freilich auch dafür gesorgt, dass Gielen immer ein Dirigent für diejenigen geblieben ist, die in der Musik intellektuelle Auseinandersetzung suchen: In seinen zehn Jahren an der Spitze der Frankfurter Oper ab 1977, die er in Zusammenarbeit mit Regisseuren wie Ruth Berghaus zum wichtigsten Spielort des modernen Musiktheaters machte, ebenso wie im Konzertsaal, wo Gielen heute als Exponent jener anderen Traditionslinie deutscher Kapellmeister gilt, die sich mit den n Hermann Scherchen und Hans Rosbaud verbindet. Wie ihnen geht es Gielen bei der Konfrontation von klassischem Repertoire und Moderne immer um das Infragestellen. Nach 13 Jahren an der Spitze des SWF-Orchesters Freiburg ist Michael Gielen in den letzten Jahren zunehmend in Berlin zu hören gewesen: als erster Gastdirigent des Berliner Sinfonie-Orchesters, als Operndirigent an der Lindenoper. Heute wird Michael Gielen 75 Jahre alt. Jörg Königsdorf

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