Kultur : Die Kunst des Guckens

Deutsche auf Reisen: Bei Hans Traxler wird garantiert eine komische Angelegenheit draus.Auf ihrem Weg, die Welt diesmal friedlich zu erobern, wundern sie sich über die seltsamen Sitten in der Provence, buchen Last-Minute-Tickets auf dem Eisbrecher nach Sibirien, und ordern deutsches Faßbier auf Mallorca.Wenn sie dann entspannt in der Mittelmeersonne dösen, während ein paar einheimische Arbeiter schwitzend Gehwegplatten verlegen, plagt sie doch wieder das schlechte Gewissen."Wie heißt denn auf tunesisch: Wenn Sie mal Urlaub in Deutschland machen, können sie mir bei der Arbeit zuschauen?", fragt der eine Gutmenschdeutsche dann den anderen.

Aber die Bilder von Traxler lassen sich nicht nacherzählen, man muß sie sich schon selber angucken.Der dienstälteste Angehörige der "Neuen Frankfurter Schule" ist nämlich ein Zeichner, der genau beobachtet.Wenn er zwei Toskanadeutsche - seine liebste Spezies - im offenen VW-Käfer über die Dörfer fahren läßt, dann liefert er das komplette Bergpanorama gleich mit, Pinien und Ziegelhäuschen inklusive.Ganz viel Traxler gibt es jetzt in dem Buch "Alles von mir!" (Zweitausendeins, Frankfurt am Main, 272 Seiten, 50 Mark) zu gucken, der mehr als 200 Arbeiten aus den letzten Jahren versammelt.Der opulente Sammelband ist sozusagen eine Geburtstagsgabe des Verlages an seinen erfolgreichsten Cartoonisten: Heute wird Hans Traxler, der Chronist des deutschen Nachkriegsalltags, 70 Jahre alt.

"Daß Hans es so gut kann, sieht man auch daran, daß man es gar nicht merkt", schreibt Zeichner-Kollege F.W.Bernstein über die künstlerischen Fertigkeiten seines Freundes.Traxlers Strich ist präzise, aber nie böse.Sein Witz soll wehtun, aber nicht verletzen.Gelernt hat der gebürtige Nordböhme sein Handwerk an der Frankfurter Akademie.Statt für die Kunst entschied er sich anschließend für die Satire.Traxler fing bei "Nikels Karikaturendienst" an, gehörte 1962 zu den Gründern der Zeitschrift "Pardon", und ging, als das Blatt 1979 eingestellt wurde, bei der "Titanic" an Bord.Ein Karikaturist im eigentlichen Sinne ist er nie gewesen: Das Allgemeinmenschliche interessiert Traxler mehr als jede Tagespolitik.Papst Paul VI.zeichnete er als gemütlichen Vatikaninsassen und Helmut Kohl setzte er mit seinen "Birne"-Büchern ein Denkmal: ein Kanzler wie du und ich.Auf einem Blatt von 1989 hat Traxler seinen Traum vom Glück zu Papier gebracht.Da hockt er in einer besonnten Künstlerklause und zeichnet.Nebenan malt Monet Seerosen, und Brigitte Bardot steigt gerade aus dem Pool.( chs)

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