Kultur : Die Kunst des Jubelns

Wembley & Co.: Installationen von Paul Pfeiffer im Hamburger Bahnhof

Nicola Kuhn

Langsam schwillt der Gesang aus tausend Kehlen an, wird immer lauter und deutlicher: „Oh when the saints / go marchin’ in“. Es ist der Moment, in dem die Fußballer das Stadion betreten, die Helden, die Heiligen. Das Spielfeld ist nicht irgendeines, sondern das Wembley Stadion, in dem 1966 jenes berühmte Tor fiel, das England in der elften Minute der Verlängerung den Weg zur Weltmeisterschaft ebnete. Bis heute wird diskutiert, ob der von der Latte abgeprallte Ball nun diesseits oder jenseits der Linie aufkam. Trotz zahlloser Zeugen im Fußballstadion, der erstmaligen weltweiten Fernsehübertragung des Spiels kann niemand mit Sicherheit sagen, ob es wirklich ein Treffer war. Ein mystischer Moment.

Der Videokünstler Paul Pfeiffer hat ihn in seiner Installation „The Saints“ reinszeniert, nicht auf dem Spielfeld, sondern auf den Rängen, allein durch den Klang. Er ließ tausend Filipinos in Manila die Schlachtgesänge, die deutsche und englische Nationalhymne, die „Seeler! Seeler! Seeler!“-Rufe perfekt imitieren. Wer den 650 Quadratmeter großen Ausstellungsraum im Hamburger Bahnhof betritt, wird kaum wahrnehmen, dass hier zwei Tonspuren – das Original und die Replik – übereinandergelegt sind. Er hört nur den mitreißenden Sound eines gefüllten Stadions, die Emphase der Masse. Ein winziger Bildschirm am Ende des Saals zeigt den Ausgangspunkt dieses akustischen Orkans. Geoff Hurst mit der Nummer 9 rennt dort auf und ab über den Rasen, der Ball und die anderen Spieler sind wegretuschiert. Welche Aufregung um ein einziges kleines Männlein, und doch schoss es das legendäre Tor – wenn es denn eines war.

Paul Pfeiffer spielt kollektives Erlebnis und individuelle Leistung gegeneinander aus. Ursache und Wirkung haben sich voneinander abgelöst. Der Sport setzt gemeinschaftliche Gefühle frei, die letztlich willkürlich sind. Der 1966 in Honolulu geborene Künstler seziert sie mit dem analytischen Blick des Psychologen, indem er sie in ihre Bestandteile zerlegt: Publikum, Spieler, (Hand-)Ball, den er in anderen Videoinstallationen ebenfalls separierte und wie eine Zauberkugel frei durch den Raum springen ließ.

Mit „The Saints“ löst der Videokünstler auch noch die parteilichen, nationalen Zuordnungen voneinander ab. Hinter dem Saal mit den Schlachtgesängen werden die dazugehörigen Bilder an die Wand projiziert: links die jubelnden Filipinos mit ihren Dirigenten in einem Kino in Manila und rechts die historischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen aus dem Wembley-Stadion mit der jungen Queen, dem Wimpel-Tausch der Mannschaftskapitäne, dem Einzug der Spieler. Nichts scheint ferner voneinander zu sein, und doch lassen sich die Filipinos, für die weder Fußball noch das spannungsgeladene Aufeinandertreffen ehemaliger Kriegsgegner Bedeutung besitzt, mitreißen. Das Erlebnis in der Masse ist universal.

Wie kühl Paul Pfeiffers Analysen sind, zeigt sich auch in der Rauminstallation „Vitruvian Figure“. Aus Holz und Edelstahl ließ der Künstler das Viertelmodell eines Stadions konstruieren, das durch Spiegelwände zum vollen Rund ergänzt wird. Die perfekte Form existiert nur in der Imagination, ebenso muss das perfekte Spiel Vorstellung bleiben. Das klassische Amphitheater ist bis heute Ort der Extreme: Niederlage, Sieg, Euphorie, Gefangenenlager von Diktaturen. In Pfeiffers Modell, in das der Besucher nur mit Hilfe einer kleinen Leiter von oben hineinschauen kann, lässt sich alles hineinprojizieren.

Von diesem Betrachterstandort ist es nur ein Schritt, die menschliche Gesellschaft und einen Bienenstaat zu parallelisieren. „Empire“ hat Pfeiffer seine Langzeitbeobachtung eines Wespennestes genannt, bei der eine Kamera drei Monate lang die Aktivitäten einer Wespenkönigin und ihres Volkes aufzeichnete. Doch der Videokünstler hat nicht nur Aufstieg und Niedergang von Großreichen im Sinn gehabt, sondern auch die jüngere Kunstgeschichte. Vor über vierzig Jahren drehte Andy Warhol seinen gleichnamigen Film, bei dem er ohne Unterbrechung acht Stunden lang das Empire State Building in New York aufnahm und zum ersten Mal Film- und Realzeit einander entsprechen ließ.

Letztlich liegt es im Auge des Betrachters, wie viel Kunst, wie viel Wirklichkeit er auch bei Pfeiffers Videoinstallation „Empire“ annimmt. Trotz ihrer kollektiven Begeisterungsfähigkeit, trotz ihrer Verführbarkeit besteht die Masse Mensch aus humanen Individuen, nicht aus Tierchen.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstraße. Bis 28. März.

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