Die Kunst in China : Chinas Künstler - mit der Macht arrangiert

China boomt - auch auf dem Kunstmarkt. Seine Protagonisten, die Künstler, profitieren davon und genießen. Doch das hat einen hohen Preis.

Christiane Tramitz
"Bewegung Nr. 9" - ein Bild von Zhang Pengye und ein Beispiel für populäre chinesische Gegenwartskunst.
"Bewegung Nr. 9" - ein Bild von Zhang Pengye und ein Beispiel für populäre chinesische Gegenwartskunst.C. Tramitz

Zhang Jianqiang lebt hinter hohen Mauern. Zu seinem Haus öffnet sich ein schweres Eisentor. Im hinteren Eck des verwahrlosten Gartens verbeißt sich ein Hund in den Gitterstäben seines Zwingers. Zhang führt seine Besucher über den Hof, an dessen Ende ein zerfleddertes Sofa steht. „Eine besondere Couch“, sagt er, „sie gehörte einst Fang Lijun, kennen Sie sicher, ist neben Ai Weiwei einer der berühmtesten Künstler Chinas. Jetzt gehört sie dem Hund.“ Zhang bittet in sein Atelier. Es ist kalt dort. Die offizielle Heizperiode Beijings hat noch nicht begonnen, trotz der nur zehn Grad draußen. Ein Tisch, ein paar Stühle und ein kleines Sideboard sind die einzigen Möbelstücke im Raum.

Zhang serviert Tee. „Ich mache mir nichts aus Wohnen“, sagt er. „Wer weiß, wie lange ich noch hier bin. Wer weiß, wie es weitergeht, mit China, mit uns.“

Unsicherheit hat ihn sein Leben lang begleitet. Zhang Jianqiang ist Künstler. Damals, in den Zeiten der Kulturrevolution, als Zhang klein war, herrschten Angst, Not und Misstrauen. In den post-kulturrevolutionären 80er Jahren gehörte der heute 44-Jährige zu den unkonventionellen jungen Leuten, die als erste Freischaffende des Landes Unabhängigkeitsbestreben und Individualität künstlerisch auszuleben versuchten. Deren Leben bestand aus Protest, Verfolgung, Vertreibung, Neuanfang an einem anderen Ort. Bis auch dort die Bagger kamen und die Wirkungsorte unbequemer Künstler auf Geheiß der Regierung erneut niederrissen.

Zerschlagung des Aufstands am Platz des Himmlischen Friedens 1989 war eine Zäsur

Das hat Wirkung gezeigt. Vor der Zerschlagung des Aufstands am Platz des Himmlischen Friedens im Juni 1989 waren die jungen Menschen noch Idealisten gewesen. Mutig und voller Hoffnung traten sie für ein neues, demokratisches und offenes China ein.

Der Traum vom Künstlerdasein. Das war ein Traum, von dem man wusste, dass beim Aufwachen Brotlosigkeit und Armut stehen würden. So manch einer der jungen Avantgardisten kämpfte täglich gegen das Verhungern an. Und, auch das war bewusst in diesem Traum, wenn er ausgeträumt ist, konnte auch die politische Ächtung folgen. Aber das war auch die Zeit, in der sich im Westen das Bild eines chinesischen Künstlers prägte. Demnach gab es nahezu ein Synonym für einen Künstler in China: Dissident.

Heute, gut 30 Jahre später, mündet der Traum für jene, die ihn träumen, woanders. Weniger im Hoffen auf Überleben, auf Individualität oder auf Änderungen im Land. Er endet im Luxus.

Künstlerdorf Songzhuang

Ein Besuch bei 40 Künstlern in Songzhuang, dem größten Künstlerdorf Chinas, ist in Anbetracht eines so riesigen Landes möglicherweise nicht repräsentativ für die Gesamtheit der chinesischen Kunstszene. Aber er zeigt, dass Künstler in China nicht automatisch Staatsgegner und Freidenker sind. Letztere bilden eher die Minderheit, angeführt von Ai Weiwei, der im April im Berliner Gropiusbau eine wohl wieder im Westen viel beachtete Ausstellung eröffnet. Die Mehrheit, die Talent und Ehrgeiz und Glück hatten, zudem das Geschick, günstige Seilschaften zu knüpfen, die sind den Schulterschluss mit dem Staat eingegangen.

Ai Weiwei
Ai Weiwei am Tag seines Gerichtsverfahrens, dem 20. Juli 2012, in Peking.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: AFP-Photo/Ed Jones
27.05.2013 17:35Ai Weiwei am Tag seines Gerichtsverfahrens, dem 20. Juli 2012, in Peking.

Zhang gehört nicht dazu, er hat es leidlich auch ohne Opportunismus geschafft. Aber zu welchem Preis. Er lebt hier, im besonders begehrten Künstlerviertel Songzhuangs, das ja. In seiner unmittelbaren Nachbarschaft stehen noch größere Häuser hinter noch höheren Mauern. Dort leben all die anderen Künstler seiner Generation, die, einst bitterarm, nun zu Chinas Reichen zählen. Yue Minjun, unter anderem, Fang Lijun, Yan Shaobin. Zhang kennt sie alle, einst waren sie eng miteinander befreundet, trafen sich viel, redeten und tranken miteinander. Heute hat kaum einer mehr Zeit.

Die Kunst, von der Zhang lebt, besteht aus Landschaftsbildern, Porträts, Frauenkörper. Sie ist schön und ästhetisch, aber wenig spektakulär. Und weh tut sie auch niemandem. Die Kunst, die er machen möchte, in der all seine Leidenschaft steckt, steht in seinem Atelier herum, ihre Botschaften, ihre Aufrufe verkümmern, ungehört, ungesehen, nicht beachtet. Die Behörden haben die öffentliche Ausstellung zensiert.

Da sind unter anderem die Bücher, die sich auf dem Boden stapeln, jedes von ihnen ein eigenes Kunstwerk. Lesen lassen sie sich nicht, sie sind aus Bronze, für die Ewigkeit geschaffen. Es sind Nachbildungen verbotener Bücher, solcher, in denen die vielen Toten der Kulturrevolution beklagt werden, und andere Missstände im Land. Leben aber, und das ist der Preis fürs Überleben und für ein wenig Freiheit, leben tut Zhang von Gefälligkeitskunst.

Immerhin ist er einer der wenigen arrivierten Künstler, die mit ihren Werken offen zum Protest stehen und solche Werke noch produzieren. „Die meisten erfolgreichen Künstler meiner Generation“, sagt Zhang, „sind inzwischen Geschäftsleute, denen es nur noch ums Geld geht. Sie produzieren das, was Galeristen und Sammlern gefällt. Und der Regierung, der vor allem!“

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