Kultur : Die Kunst ist überall

PETRE HERBSTREUTH

Eine Ausstellung besteht aus drei Elementen: Kunst, Raum, Handlung.Meistens wird der deklarierten Kunst die größte Aufmerksamkeit geschenkt.Denn sie steht zum Verkauf.Doch seit Künstler auf die Präsentation am gegebenen Ort Wert legen, gewinnt der Raum und die Beziehungen der Einzelwerke untereinander Bedeutung.Und da mittlerweile die Rolle der marktgesellschaftlichen Zusammenhänge, in denen Kunst erscheint, kalkuliert wird, werden auch die Handlungen des Publikums, der Kritiker, Galeristen, Sammler und Sponsoren als bedeutungsstiftend erkannt.

Michel François schließt an eine bespielgebende Tradition an, die in Berlin 1991 mit Eran Schaerf und Ulrike Grossarth in der Zwinger Galerie begann.Sie wurde fortgeführt von Christine Hill bei Eigen + Art, Maria Eichhorn bei Barbara Weiss, Wibke Siem im Künstlerhaus Bethanien und fand bei Max Hetzler mit Gerhard Merz und Hans Kollhoff vor einem Jahr einen Höhepunkt.Alle diese Künstler haben das Spannungsfeld von Galerie und Atelier, Produktion und Repräsentation in ein aufklärendes Licht gesetzt und die Frage, wie Künstler in einer entzauberten Welt handeln, im Spiegel der Galerie verankert.

Das "erweiterte Büro", so der Titel der in alle Räume übergreifenden Inszenierung des in Brüssel lebenden Michel François bei Gebauer, gibt nun der guten alten Kunsthandlung wieder einen Akzent des Aktuellen.Kunst, Raum, Handlung sind schlüssig ineinander verflochten.Das Büro ist überall, und überall ist Kunst.Dazwischen arbeitet der Galerist mit seinen beiden Assistenten.

An den Flurwänden hängen internationale Zeitungen vom 17.September 1998.Das war der Tag, an dem Rechtsanwalt Starr seine Klage gegen Präsident Clinton wegen dessen kleiner Affäre mit einer Praktikantin groß veröffentlichte.Michel François strich alle Wörter auf den Zeitungen mit schwarzen Balken durch und ließ nur die Fotos unangetastet.In der Mitte eines Zimmers der Galerie befindet sich ein Tisch, auf dem Papierstapel, Zeitungen, Computer, Megaphon, Telefone angeordnet sind.Vier Stehlampen erhellen den Raum.Auf der Tischplatte liegen Patronenhülsen, Pillen, Schreibutensilien, und an den Wänden hängen rundum Plakate.Ein Lautsprecher überträgt das Quaken von Fröschen auf die Straße hinaus.Es klingt wie eine E-Mail-Übertragung aus dem Laptop.

Alles verweist auf Kommunikation.Zwischen den Regalen mit Ordnern der Korrespondenz mit Künstlern und Kunden flimmert eine Projektion.In einem weiteren Zimmer hängen mit Wasser gefüllte Plastikbeutel.François hat sich auf Gegenstände beschränkt, die jeder überall erwerben und selber fertigen oder bedienen kann - so wie die Einrichtungsgegenstände eines Büros auch.Die Ambivalenz von Nutz- und Anschauungsobjekten bestimmt das Interieur.Das größte Bild in der Galerie mag den Adrenalinspiegel des Galeristen und des Künstlers bis zum Kollaps steigern; für Besucher ist es ein Dokument im Status eines Symbols.Auf der "Warteliste" sind die Namen derer notiert, die ein Werk des Künstlers gebucht haben.Je höher die Zahl der Namen, desto freundlicher klingelt die Kasse.Für den Besuchter dokumentiert es schlagend, wie vielfältig doch die Projektionsflächen sind, und wie sehr sie von Interessen abhängig sind.

Der Preis einer solchen Inszenierung ist hoch.Alles, was zu sehen ist, deutet auf Marktorientierung.Es gibt keinen Raum, der davon frei wäre: Kapitalismus als Kultur, die keinen Gedanken außerhalb ihrer selbst erlaubt.Alles, was gedacht werden kann, wird nach Maßgabe von Vermarktung und Vermittlung in einer Welt gedacht, in der alles miteinander verbunden ist.Es gibt kein Entrinnen.Die Inszenierung kommt einer Diagnose gleich.Doch der White Cube läßt sich gegen die aktualisierte Kunsthandlung nicht ausspielen, weil die Bedürfnisse der Künstler verschieden sind.Daß aber die Kunsthandlung wieder da ist, zeigt, was Institutionskritik, die ihr vorausging, vermag.Der Witz liegt jedoch darin, daß die Inszenierung in Zeichen und Bedeutung das architektonische Prinzip variiert, nach dem die Galerie Neugerriemschneider ihre neuen Räume ordnen ließ.Michel François bringt ihn auf den Punkt: der Verhandlungsraum als Kunst und die Kunst als Verhandlungsraum.

Galerie Gebauer, Torstraße 220, bis 16.Januar; Dienstag bis Sonnabend 12-18 Uhr.

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