Kultur : Die Kunst muss durch den TÜV

Christiane Peitz

Sattsehen kann sie sich nie. Vier Mal pro Woche ins Theater, dazu zwei Filme und drei Ausstellungen: Hortensia Völckers kann viel Kultur gut vertragen. Deshalb kennt sie die Kunstszene wie wenige andere. Jetzt sitzt sie in ihrem Büro im Bundeskanzleramt und räumt ein, dass sie im Moment ein bisschen weniger zu Premieren und Vernissagen geht. Aufbauarbeit kostet Zeit. In zwei Wochen wird sie umziehen, nach Halle an der Saale, dem Sitz der am 21. März ins Leben gerufenen Kulturstiftung des Bundes.

Wer ist diese Frau, die ein Jahr lang als Beraterin von Kulturstaatsminister Nida-Rümelin in Berlin tätig war und nun die künstlerische Direktion der bald größten Kulturstiftung im deutschsprachigen Raum innehat? Geboren und aufgewachsen in Argentinien, steht in ihrem Lebenslauf. Studium der Politik- und Theaterwissenschaften in München - ohne Abschluss, wie sie betont. Von 1989 bis 1995 organisierte sie die Münchner Tanz-Biennale, ging als Kuratorin für Bildende Kunst zum Frankfurter Theater am Turm, wurde persönliche Referentin von Documenta-Chefin Catherine David und war zuletzt für die Off-Kulturprojekte der Wiener Festwochen verantwortlich.

Eine Initiatorin also. Wer ihr gegenübersitzt, ihren Redefluss, ihr gelegentliches Zögern und dazu ihre expressiven Gesten wahrnimmt, versteht, dass sie ihre Aufgabe nicht nur in der Diplomatie sieht, sondern vor allem in der energischen Animation. Am liebsten probiert Hortensia Völckers Sachen aus, die es noch gar nicht gibt. Eine Bundeskulturstiftung zum Beispiel.

Die FAZ beschreibt sie als Frau im Hintergrund: Der "Modus der Absenz" sei für sie charakteristisch. Das sieht die 44-Jährige dann doch etwas anders: "Ich sehe mich nicht so. Als Direktorin der Wiener Festwochen war ich nicht im Hintergrund, auch nicht in München. Ich muss nicht unbedingt der Chef sein, deshalb fiel mir die Zusammenarbeit mit Catherine David nicht schwer. Autorität ist wichtig, Macht nicht. Wir als Vorstand der Bundeskulturstiftung haben eine Mittlerrolle zwischen dem politischen Gremium des Stiftungsrats und dem Willen, für die Autonomie der Kunst, also für Staatsferne zu sorgen." Vorstandskollege und Verwaltungsdirketor Alexander Farenholtz ergänzt, dass das Chefsein mit dem derzeitigen Generationswechsel in der Kulturszene ohnehin anders aussieht. Mehr Teamgeist, weniger Repräsentation. Deshalb sitzt er jetzt auch mit am Tisch.

Wie geht das eigentlich, im Auftrag des Bundes innovative und internationale Kunst (so steht es wegen der Kompetenzstreitigkeiten mit den Bundesländern in der Satzung) ausgerechnet von Halle aus zu fördern? "Die Entfernung zu den Großstädten zwingt uns, unkonventionelle Herangehensweisen jenseits der Biennalen und der Eventkultur zu finden," erklärt Völckers. "Ich werde viel Zug fahren, aber die Distanz - etwa zur jungen Berliner Kunstszene mit ihren Geldsorgen - bringt den Vorteil einer unabhängigeren Perspektive mit sich." Das klingt ein wenig vage. Zwar trudeln schon jetzt täglich Anträge ein, aber bevor die Entflechtungsdebatte zwischen Bund und Ländern nicht ausgefochten ist und die Jury für die Projektförderung (im Juli) ihre Arbeit aufnimmt, kann die Direktorin nicht konkreter werden. Sicher ist, dass die Stiftung nicht dazu da ist, die Sparzwänge der Länder oder die Finanznöte des Goethe-Instituts zu lindern. Sicher ist auch, dass Völckers vor allem die Themenprojekte am Herzen liegen: "Kunst und Stadt" etwa oder der Regionalschwerpunkt Osteuropa und "Die kulturellen Aspekte der deutschen Einigung".

Mit Schnelligkeit hat Völckers ihre Erfahrungen. In Frankfurt, wo Catherine David auf den Zwischenstopps Richtung Kassel regelmäßig im TAT vorbeischaute, fragte die Documenta-Chefin eines Abends, ob Völckers am nächsten Tag bei ihr anfangen könne. Am anderen Morgen sagte Völckers kurzerhand Ja. Auch die in diesem Jahr mit knapp 13 Millionen, ab 2004 mit gut 37 Millionen Euro und 25 Mitarbeitern ausgestattete Stiftung möchte sie auf keinen Fall zu einem schwerfälligen Apparat ausbauen. "Unser Ziel ist Erreichbarkeit. Wir wollen immer ein Ohr haben für die Künstler und ihre Bedürfnisse. Und das können wir nur als schnelles, flexibles Boot, dessen Profil regelmäßig neu durch den TÜV geschickt werden muss".

Nicht die Kunst richtet sich nach uns, sondern wir richten uns nach der Kunst, fügt Völckers hinzu. Die Gängelung der Kultur ist ihr ein Gräuel, seitdem sie unter der argentinischen Militärdiktatur aufwuchs. Die Tochter eines in den 1920er Jahren emigrierten Hamburgers und einer Bildhauerin hat erlebt, was es bedeutet, wenn der Kultur kein Freiraum mehr bleibt. Die junge Hortensia trainierte als Spitzensportlerin für die Schwimm-Olympiade und sah deutsche Filme im Goethe-Institut. "Schon damals", erinnert sie sich, "war das Institut das heimliche Kulturministerium Argentiniens".

Dass die Bundeskulturstiftung sich den Dialog mit der internationalen Kultur auf die Fahnen geschrieben hat, kommt ihr entgegen: "Das hat nichts mit Entwicklungshilfe zu tun, schon gar nicht mit Imperialismus, sondern mit der Überzeugung, dass unsere Kultur ohne Impulse von außen verkümmert." Zumal sie, die Codes der Poststrukturalisten durchaus beherrschend, wegen ihrer außereuropäischen Herkunft den elitären Theorien des Westens misstraut.

Und dann ist da noch die Sache mit der Vermittlung zwischen den Disziplinen. Mit der Münchner Tanz-Biennale hat Völckers eines der ersten Themen-Festivals ins Leben gerufen und auch in Wien auf das Zusammenspiel zwischen Theater und Film, Bildender Kunst und Literatur gesetzt. Warum liebt sie diese Grenzgänge so, die sie zu Zeiten des konzeptuellen, politischen Tanztheaters entscheidend geprägt haben? Wer erwartet, dass Hortensia Völckers nun zu einem Vortrag über den modischen Begriff der Interdisziplinarität ausholt, sieht sich getäuscht. "Es geht nicht um die Vermischung der Kunstsparten, sondern um das Interdisziplinäre als Methode, mit der man beispielsweise öffentlichen Raum sowohl ästhetisch als auch ökonomisch und sozial wahrnimmt. Bei Themen wie Migration oder Stadt und Kultur ist es immens wichtig, dass Künstler sich mit Anthropologen, Soziologen oder Urbanisten zusammentun."

Die Stiftung möchte dafür sorgen, dass neben Vertretern des Bundesbauministeriums und der Kommunen auch die Kultur dabei ist, wenn es um verwahrloste ostdeutsche Städte geht. Und sie kann, sagt Völckers, vor Ort zur Verbesserung der Produktionsbedingungen von Kunst beitragen. Dabei versteht sie das Neue nicht als Qualitätskriterium. "Innovation und Erhaltung sind keine Gegensätze. Viele Künstler arbeiten zur Zeit ja mit Archiven. Dasselbe gilt für die Erinnerungskultur, die ja in zeitgenössischen Formen umgesetzt wird. Wir wollen in die Zukunft investieren, indem wir sichern, was heute passiert."

Auf die Frage, was sie an ihrer neuen Aufgabe am meisten reizt, stockt Hortensia Völckers. Und dann wendet sie den Satz vom Sichern auf die Bundeskulturstiftung an. Ihr Ziel sei es, dass die Stiftung in fünf Jahren, wenn ihr Vertrag endet, eine nicht mehr wegzudenkende Selbstverständlichkeit sei. Dann könnten andere mit dem Boot zu neuen Ufern aufbrechen, jenem Boot, das sie mit ihrem Team nun zu zimmern beginnt. Dabei schaut sie nach draußen, zu den Mitarbeitern auf der anderen Seite der gläsernen Innenhof-Fassaden des Kanzleramts.

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