Kultur : Die Kunst, sich Kunst zu leisten (Leitartikel)

Peter von Becker

Berlins Kulturpolitik steht am Abgrund. Die öffentlich subventionierten Kulturinstitute kosten mehr, als sich der hauptstädtische Haushalt noch leisten kann. Diese einfache Einsicht wurde jahrelang immer wieder beklagt und zugleich schöngeredet; vor allem Peter Radunski, der bis Ende letzten Jahres amtierende CDU-Kultursenator, hatte ein respektables Talent, finanzielle und konzeptionelle Defizite zu verschleppen und zu verbrämen. Zudem gilt die überhastete Schließung des Schiller-Theaters bis heute über Berlin hinaus als Menetekel. Deshalb beteuert auch die neue Kultursenatorin Christa Thoben, dass sie die Szene erhalten und keine Bühnen, Museen oder Orchester liqudieren möchte. Aber was tun, wenn Thoben von ihrem Vorgänger etwa 70 Millionen Defizit erbt, der Finanzsenator nichts zuschießt und Theater- und Operintendanten die Tarifsteigerungen im öffentlichen Dienst nicht mehr aus ihren bereits eingefrorenen Etats begleichen können?

Soll es nicht in den Orkus gehen, bleibt der Kultursenatorin am Abgrund nur zweierlei: die Überbrückung - oder der große Sprung. Hinüber zum vielleicht rettenden Ufer einer neuen Politik. Das Kunststück wird dabei sein, zu überbrücken und gleichzeitig zu springen.

Zur ersten Linderung der finanziellen Nöte wird in Berlin jetzt begierig nach dem Bund gerufen. Tatsächlich ergibt sich aus der politischen Bedeutung, verbunden mit dem Status Berlins als europäischer Kultur-Metropole, eine gesteigerte Verantwortung auch der Bundesregierung. Es widerspricht kaum föderalen Prinzipien, dass Kultustaatsminister Michael Naumann diese Verantwortung künftig stärker übernehmen möchte: für Institutionen von nationalem Interesse und internationalen Rang. Hierzu gehören neben den Berliner Philharmonikern oder den Festspielen unter anderem auch Daniel Libeskinds Jüdisches Museum und das Projekt Holocaust-Mahnmal. Was hierzu noch fehlt, ist das Engagement des Bundes für die dritte, augenblicklich finanziell gefährdete Gedenkstätte: die "Topographie des Terrors" als künftig zentrales Dokumentationszentrum der NS-Verbrechen.

Zwischen Hauptstadt und Bund muss ein neues, langfristig durchdachtes Kulturabkommen geschlossen werden. Bonns Kultur übrigens war der Bonner Regierung vergleichsweise sehr viel Geld wert. Zur Rettung der Berliner Kulturszene aber geht es vor allem um einen Wechsel der Kulturpolitik am Ort. Die seit Jahren geforderte Reform der öffentlichen Bühnen und Orchester muss eine CDU-SPD-Koalition, die größte, die es nun einmal gibt, endlich auch gegen Gewerkschaften und Interessengruppen durchsetzen. Kunst nach Tarifen, Arbeitszeitordnungen und Verwaltungsvorschriften des öffentlichen Dienstes zu produzieren, ist längst zu teuer geworden. Dass Regisseure und Schauspieler oft 70 Stunden die Woche arbeiten, aber hoch bezahlte Orchestermusiker nur zwölf, ist ein Witz. Die Änderung verkrusteter Rechtsformen steht an, auch ein Stellenabbau in überbesetzten Innendiensten, in Technik und Verwaltung. Vor allem für die SPD sind Kündigungennoch immer Brocken zum Würgen. Doch muss der sie schlucken, der nicht Kultur und Kunst selber abwürgen will.

So geht es hart auf hart. Aber Kulturpolitik heißt, auch qualitativ zu fragen, warum etwa die Staatsoper Stuttgart künstlerisch um vieles erfolgreicher und zugleich um Millionen preiswerter arbeitet als beide großen Berliner Opernhäuser. Auch Orchester und Theater müssen sich durch Leistung legitimieren. Doch nicht überall überglänzt künstlerischer Reichtum in Berlin auch öffentliche Armut.

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