Kultur : Die Kunst zum Klingen zu bringen

Ute Meta Bauer, die Leiterin der Berlin-Biennale 2004, will aus dem Off heraus. Ein Gespräch über Politik, Ästhetik, sonische Räume und den Sinn von Biennalen

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In diesem Jahr finden von Gwangju in Südkorea bis Santa Fe in den USA rund 16 Biennalen statt, eine wahre Inflation. Weshalb dann noch Berlin?

Berlin braucht vielleicht nicht unbedingt eine Biennale, aber eine Fläche für Gegenwartskunst, wo kontinuierlich und im größeren Rahmen internationale Positionen vorgestellt werden. Wichtig sind dabei Gastkuratoren, die anders als die Institutionen vor Ort mit dem Blick von außen arbeiten können.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Biennalen einander immer mehr ähneln, weil stets die gleichen Künstler herumgereicht werden?

Genau das ist die Herausforderung: eine Spezifik herauszuarbeiten, die besondere Intention der jeweiligen Biennale. Es ist falsch, nur von den professionellen Betrachtern auszugehen, die eh reisen und die Biennalen untereinander vergleichen. Es kommt auf das Publikum vor Ort an, den jeweiligen Kontext. Es ist schon ein Unterschied, ob ein junger Künstler in Gwangju mit einer bestimmten Situation konfrontiert wird oder ob eine Biennale in Johannesburg stattfindet, um wieder den internationalen Anschluss zu finden.

Wir sprechen immer von Biennale; dabei findet auch die dritte Ausgabe der Berlin-Biennale im Dreijahres-Turnus statt. Sollte man sie nicht endlich in Triennale umbenennen?

Der Zweijahres-Rhythmus ist sinnvoll, um Kontinuität zu wahren, und der Name ist eingebürgert. Fehlt aber wie hier die Infrastruktur, dann ist das in der kurzen Zeit kaum zu leisten. Mit der angekündigten Unterstützung der vierten und fünften Berlin-Biennalen als Initiativprojekt der Bundeskulturstiftung gäbe es endlich Planungssicherheit. Ansonsten ist diese Veranstaltung ein Kraftakt, der eigentlich niemandem zuzumuten ist.

Sie haben als Co-Kuratorin von Okwui Enwezor bei der Documenta XI in Kassel mitgewirkt, die stark auf politische Problemfelder ausgerichtet war. Wird die Berlin-Biennale ihr darin ähneln?

Ich komme aus einer Generation, in der das Private politisch ist und ein Rückzug auf Kennerschaft in der Kunst nicht mehr möglich ist. Bei der Documenta XI haben wir uns an ein breites Publikum gewandt und gefragt: Was ist Kunst überhaupt, was will sie, was kann sie leisten? Für uns waren deshalb Künstler wichtig, die am Zeitgeschehen teilnehmen, die heutige Situation reflektieren und nicht in der stillen Stube sitzen, um dort ihre Utopien umsetzen .

Wie bei der Documenta XI wird auch in Berlin der Besucher viel Zeit mitbringen müssen, um all die Texte zu lesen und Videos anzuschauen.

Ich finde, wenn so viel Geld in eine Ausstellung investiert worden ist, dann sollten die Besucher möglichst viel davon profitieren können und nicht nach einer Stunde alles gesehen haben. Man sollte den Arbeiten, den Ideen der Künstler entsprechende Zeit einräumen. Für den kompletten Besuch der Berliner Ausstellung werden zwei Tage nötig sein. Deshalb bieten wir Eintrittskarten gleich für zwei Tage an, die sich jeder selber einteilen kann. Kunst ist es wert, dass man Zeit in sie investiert.

Wird es denn nun vor allem um gesellschaftpolitische Fragen gehen?

In einer Kunstausstellung geht es immer auch um Ästhetik. Wir zeigen nur keine l’art pour l’art, was charakteristisch für die Achtzigerjahre war. Die selbstrefenzielle Kunst ist langsam durchdeklininert. Wichtiger ist die aktuelle Situation. Wir leben in einer krisengeschüttelten Zeit, in der sich auch die Kunst nicht auf Selbstbespiegelung zurückziehen darf. Wer Malerei sehen will, kann schließlich in die gut bestückten Sammlungen der Stadt gehen. Ich jedenfalls könnte jetzt nichts rein Dekoratives zeigen. Abgesehen davon wird es auch ältere Arbeiten zu sehen geben, um sie auf ihre heutige Bedeutung hin zu überprüfen. Ich will mit der BerlinBiennale nicht einfach nur einem Neuheitsanspruch frönen.

Eigentlich beschreiben Sie da eher die Aufgaben eines Museums ...

... das diese Arbeit heute sehr häufig aber nicht mehr leistet. Obwohl gerade dies ein Museum sehr lebendig machen würde.

Die Berlin-Biennale benutzt Bezeichnungen wie „Hubs“ und „Sonische Landschaften“ für einzelne Abteilungen. Sind diese verwirrenden Begriffe wirklich dienlich oder wollen Sie Hipness signalisieren?

Ein Hub ist ein stehender Begriff aus demFlughafen beziehungsweise dem Computer-Verteilerbereich. Mit Hilfe dieses Begriffs wird der temporäre Charakter der Biennale deutlich: Sie ist ein Drehkreuz, durch das man sich nur vorübergehend bewegt und dann wieder in alle Richtungen auseinandergeht. Sonische Landschaften wiederum kommt aus dem Englischen; in der Musik sind „sonic scapes“ durchaus bekannt. Für uns war es selber nicht ganz einfach, die Hubs zu kommunizieren. Vielleicht muss man eher fragen: Wozu dienen sie? Es sind Themenfelder in Form von künstlerischen Beiträgen, die sich mit Fragen wie Urbanismus und Migration beschäftigen. Für den Besucher erschließt sich ein von einem Künstler erarbeiteter Raum besser, als wenn er endlose Wandtexte oder Broschüren studieren muss.

Neben den Kunstwerken wollen Sie auch den Martin-Gropius-Bau bespielen. Strebt die Berlin-Biennale jetzt Museumsweihen an, um bei der Vielzahl der Ausstellungen in der Stadt nicht unterzugehen?

Die Berlin-Biennale muss sich etablieren, wenn sie international eine Position markieren möchte. Außerdem gibt es in Berlin so viele Off-Spaces, dass sich eine in der Stadt verteilte Biennale nur verzetteln würde. Die Wendezeit ist nun endgültig vorüber. Hier in Berlin-Mitte ist alles gentrifiziert. Da würde das nicht-renovierte Postfuhramt, das bei den beiden letzten Biennalen noch als Ausstellungsort genutzt wurde, anachronistisch wirken.

Sie geben heute die Künstlerliste bekannt. Sind da noch Wünsche offen geblieben?

Durch die fehlende Infrastruktur gab es einen ungeheuren Reibungsverlust im Vorfeld; alles musste neu aufgebaut werden. Diese Zeit hat mir zur Vorbereitung gefehlt. Ich hätte mir gewünscht, mehr im Osten recherchieren zu können: in den baltischen Ländern; schließlich haben wir die EU-Osterweiterung. Dort steckt ein wirklich großes künstlerisches Potenzial. Da ist eine neue Generation nachgewachsen, die nichts mehr mit dem Mauerfall zu tun hat, für die das Klischee der Ost-Kunst nicht mehr gilt.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn.

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