Kultur : Die Kunstmaschine

PETER HERBSTREUTH

Zuerst wundert man sich, daß Sol LeWitt, der 1928 in Hartford / Connetticut geboren ist, heute siebzig wird, denn das Werk eines der Väter der Konzept-Kunst scheint kaum gealtert.In Berlin hatte er den stärksten Auftritt in der Galerie Franck + Schulte, als er querlaufende Wände aufmauern ließ und die Galerie durch das Ineinander zweier Aufrisse in ein versetztes Gehäuse verwandelte.Und im Basement des Quartiers 206 an der Friedrichstraße ließ er vor zwei Jahren an den Wänden einer Café-Bar ein Ornament anbringen, das mit Grund kaum bemerkt wird.

Sol LeWitt entwirft geometrische Muster auf Grundlage vorgegebener Pläne mit nur vager Ahnung von realen Licht- und Nutzungsverhältnissen.Der Künstler geht nur in Ausnahmen dorthin, wo Assistenten die Entwürfe realisieren, die er am Schreibtisch in New York entworfen hat.Die Museen für angewandte Kunst entdecken ihn zögernd, obschon ihm nach Maßgabe seiner heutigen Arbeitsweise ein Platz zustünde.Reüssiert hat LeWitt aber in der Hochkunst der A-Klasse, indem er neben Joseph Kosuth, Donald Judd, Daniel Buren die Denkmöglichkeiten der Kunst in den sechziger, siebziger Jahren so grundlegend erweiterte, daß man von einer Revolution sprechen darf.

Nach Durchsetzung einer Kunst der Konzepte war nichts mehr wie zuvor.LeWitt interessierte die variantenreiche Vielfalt, die einer einfachen Idee entspringen konnte, und vermied Vortäuschung falscher Tatsachen.Entscheidungen und Pläne gingen der Ausführung voraus, konstatierte er und zog daraus 1967 die Konsequenz."Die Idee ist eine Maschine, die Kunst macht." Andy Warhol hatte sich bereits als "Kunst produzierende Maschine" bezeichnet.LeWitt aber macht sich die Hände nicht schmutzig.Er trennt die Idee strikt von der Ausführung, vermeidet Stil zugunsten des Systems, Emotion zugunsten der Geometrie, persönlichen Ausdruck zugunsten angewandter Regeln.Statt dessen sucht er nach einfachen Systemen, die komplexe Felder hervorbringen, und leitet eine Versachlichung ein.

LeWitt favorisierte damit ein Verfahren, das in der unterscheidbaren Verbindung von Handwerk und Kopfarbeit jenseits subjektiver Befindlichkeiten einen neuen Wert der Kunst verdeutlicht hat.Die Kunst wird ein Feld logisch überprüfbarer Tatsachen, die zur seriellen Fertigung geeignet sind.Deshalb erkennt man einen LeWitt an der Art, wie Regeln angewandt worden sind.Daraus - das liegt in der Natur der Wiederholung - wurde allmählich auch ein Stil.Die Folgen reichen weit.Es ist eine öffentliche Kunst, die Innerlichkeit meidet und jeglicher physischen Existenz mißtraut, die dauerhafte Formen schaffen will und deren Initialgedanken bedeutender sind als ihre visuellen Verwirklichungen.Im Rückgrifff auf Platon feiert sie die Idee wie ein Glaubensbekenntnis.Was immer auch im Quartier 206 verpfuscht wurde, die Reinheit der Idee des Musters bleibt davon unberührt und läßt sich als geglückte Variante bei Franck + Schulte an der Bürowand perfekt ausgeführt anschauen.

Dabei kann sich LeWitt auf Vorzeichnung und Raster von Fresken des 14.Jahrhunderts mit Betonung des Fragmentarischen berufen: unfertig auf immer und auf immer variabel.Deshalb erscheint bei Sol LeWitt angewandte Kunst nur als sinnlicher Abfall, der das Leben nährt.Das Wesentliche geschah am Schreibtisch in Gedanken.In diesem Doppelspiel von serieller Fertigung und Findung unendlich variabler Entwürfe liegt das Geheimnis jedes weltweiten Produktmarketings.Sol LeWitt liefert dafür das Modell.Keith Haring und Microsoft waren seine gelehrigsten Schüler.

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