Kultur : Die Kunstnomadin

Wieder entdeckt: Ré Soupaults Fotos im Berliner Gropius-Bau

Verena Friederike Hasel

Wenn zwei Liebende auf Reisen gehen, kommt ihnen ein Dritter, der sie pausenlos begleitet, äußerst ungelegen. Und so wurde Ré Soupault, verheiratet mit dem Journalisten Philippe Soupault, zur Fotografin und bebilderte die Auslandsreportagen ihres Mannes selbst.

Der Reise-Topos zieht sich durch das gesamte Leben der Künstlerin. Sie war eine Nomadin, dauerhaft unterwegs, und die Strecke, die sie im Laufe ihre Jahre zurücklegte, war eine weite, innen wie außen: von Meta Erna Niemeyer aus Pommern bis zu Ré Soupault in Paris. „Ich habe gerade festgestellt, dass ich als Französin gerade das Alter von 15 Jahren erreicht habe“, schrieb sie 1946 an einen Freund. „Als Deutsche starb ich schon mit 24 Jahren. Ich gebe aber die Hoffnung nicht auf, bald noch mal wieder geboren zu werden.“ Zu dieser Zeit hatte Soupault schon etliche Verwandlungen erlebt. Das Mädchen vom Lande ging ans Bauhaus in Weimar – rebellische Studentin gegen den Willen ihrer Eltern. Ende der zwanziger Jahre zog sie nach Berlin und arbeitete als Modejournalistin. Nächste Station war Paris, wo sie Mode für die arbeitende Frau entwarf, unter anderem ein „Transformationskleid“, das sich durch einige Handgriffe vom bürotauglichen Kostüm zum Abendkleid umfunktionieren ließ – Sinnbild für ihr eigenes metamorphosenhaftes Sein. 1933 traf sie Philippe Soupault, Mitbegründer des Surrealismus, Schriftsteller und Journalist, und wurde Fotografin.

Was Ré Soupault (1901 bis 1996) prägte und bewegte, zeigen die 250 Fotografien, die eine Retrospektive im Berliner Martin-Gropius-Bau präsentiert. Der Bauhaus-Einfluss findet sich in ihrer Vorliebe für geometrische Formen, etwa auf einem Foto vom Fest zum Wahlsieg Léon Blums 1936. Der zum Gruß erhobene Arm eines Jungen bildet einen scharfen Winkel, im V-Ausschnitt seines Hemdes wiederholt er sich, ebenso im hölzernen Unterbau einer Brücke. Immer wieder präsent in Soupaults Werk sind die Ausgegrenzten. Die verstoßenen Frauen im Quartier réservé in Tunis fotografiert Soupault beim Warten auf ihre Freier, sie lagern auf schäbigen Innenhöfen, hocken in dämmrigen Türen, spähen aus schmalen Fenstern. Nur eine ist in Aktion zu sehen, sie hat den Spiegel zum Gesicht emporgehoben und schminkt sie sich für den nächsten Mann, der kommt und sie kauft. Auch das Leitthema ihres privaten Lebens hat Ré Soupault bebildert: Philippe Soupault beim Campen in Norwegen, bei einer Autopanne in der afrikanischen Wüste, stets bürgerlich im Anzug und mit Hut.

1943 müssen die beiden vor den Nazitruppen aus Tunesien flüchten. Das Fotografenleben ist vorbei, die Reise geht weiter: Erst gemeinsam nach Amerika und Paris, dann flieht Ré Soupault alleine weiter, dieses Mal vor ihrem Mann, der sich mit einer jüngeren Frau zusammengetan hat. Sie geht nach Basel und übersetzt die Werke Lautréamonts und Romain Rollands ins Deutsche, wieder eine Häutung. 1955, nach dem Selbstmord der Geliebten ihres Mannes, kehrt sie zu ihm nach Paris zurück, übersetzt nun seine Bücher.

Die Kiste mit den Fotonegativen öffnet Ré Soupault erst, als Manfred Metzner, der Verleger ihres Mannes, sie 1987 um Bilder von Philippe Soupault bittet. Auf diesem Umweg wird Ré Soupault in den Augen der Öffentlichkeit sichtbar als Fotografin und kommt 1994, vier Jahre nach dem Tod ihres Mannes, mit ihrer ersten großen Foto-Ausstellung in Paris zu spätem Ruhm für die Bilder ihrer Reisen zu zweit.

„Ré Soupault – Die Fotografin der magischen Sekunde“, Martin-Gropius-Bau, bis 13. August, Mi bis Mo 10–20 Uhr. Der Katalog (Wunderhorn Verlag) kostet 26 €.

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