Kultur : Die Kunstwelt als Spielwiese

PETER HERBSTREUTH

Bremens Kunstwelt will partout in die Schlagzeilen.Nachdem die Neueröffnung der traditionsreichen Kunsthalle gefeiert wurde, hat sich der Mittelbau zur konzertierten Aktion zusammengetan.Die Gesellschaft für aktuelle Kunst, die Stadtgalerie und das Künstlerhaus zeigen zwanzig Projekte von überwiegend jungen Gegenwartskünstlern aus dreizehn Ländern in Innen- und Außenräumen entlang der Weser.Die Organisatoren Eva Schmidt und Horst Griese wollten eine lebendige Mischung "Kunst im öffentlichen Raum" und baten Künstler um Vorschläge.Die Hellsichtigsten unter ihnen tragen die Idee des Ortsspezifischen zu Grabe.Die Operation ist gelungen, der Begriff am Ende.

Der umständliche Titel verdankt sich einer Fabel von Laurie Anderson.Ein im Zoo lebender Delphin fragt, ob alle Ozeane Wände hätten.Er zweifelt seine Bewegungsfreiheit an.Die Kuratoren erhofften entsprechende Aufmerksamkeit für die Bedingungen künstlerischer Möglichkeiten, da die Identität von Orten sich aufzulösen beginnt und die Voraussetzungen für "Interventionen" wie sie in den siebziger, achtziger Jahren entwickelt wurden, in Beliebigkeit verpuffen, wenn der Rahmen nicht präzise fixiert ist.Stephen Willats versuchte es nach gewohntem Schema, befragte Bewohner zweier Stadtteile nach ihren Lebensbedingungen und arrangierte das Material verknappt in Text-, Foto-, Videosequenzen.Man erfährt etwas über Bremens Multikulturalität.Doch die Passagen könnten auch aus Konstanz oder Rotterdam stammen.Spezifisch ist das Unspezifische.Wahrnehmungskonstruktion heißt Selektion.

Neben dieser Rückschau in die Geschichte des Ortsbezugs hat die Bremer Initiative eine karnevaleske Seite.Bob & Roberta Smith veräppeln Konzepte zur Partizipation durch die Umwandlung eines großen Ausstellungsraums in einen Sandkasten mit Ritterburgen neben Abgüssen von Gitarren und laden mit der Plakataktion "Ich finde Sandabgüsse toll" Besucher zum Mitmachen ein.Für Förmchen ist gesorgt.Ross Sinclair zieht den Ortsbezug ins Beliebige, indem er im Schnellimbiss, Polizeirevier, in einer Kirche und Schule den Satz "I love real life" anbringen läßt.Man gewinnt den Eindruck, daß gerade diejenigen young british artists eingeladen wurden, die die Kunstwelt als Spielwiese für beiläufige Einfälle nutzen.Sie beleben die Flanerie entlang der zwanzig Orte; bleiben wird nichts.Der Begriff "Ortsbezogenheit" ist für sie so schlaff, daß sie nur Grimassen schneiden.Doch Brillantes fehlt nicht.Eran Schaerf und Eva Meyer kümmerte das Ausstellungsprogramm wenig, aber sehr die Produktion ihres Films über die Alltäglichkeit zwischen Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten.So nutzten sie die Einladung für eine Ko-Produktion und sprengen nun mit ihrem 70-Minuten-Film den Rahmen einer Gruppenschau.Ange Leccia beschränkte sich auf eine mehrteilige Videoarbeit, die wie ein Spuk nur des Nachts sichtbar werden kann.Biefer/Zgraggen aus Zürich schließlich greifen nach dem Höchsten."Gott" heißt ihre riesige kristalline Styroporskulptur, die abseits in einem alten Bahnhof grob zusammengeklebt und nur durch eine Umkleidekabine zugänglich ist.Wer "Gott" erkennen wolle, müsse sich entblößen, lassen sie auf einem Faltblatt wissen.Wer die Weisung befolgt, muß erkennen, daß er mehr an sich selber denkt (kommt jemand?).Profane Erleuchtung und Blödsinn werden ununterscheidbar; die Idee des Ortsspezifischen, in der Erfahrung des Nonsens aufgehoben.

Den Nagel auf den Kopf trifft aber Peter Friedl aus Wien.Er ließ für sich und beide Kuratoren Maßschuhe von einer Bremer Schuster-Werkstatt anfertigen, vom Bundeskanzleramt Österreichs inklusive Honorar finanzieren und nannte solcherart Kunst im öffentlichen Raum "Bremer Freiheit".Die Chuzpe steckt in den vielfältigen Bezügen (zum Theater, zur Sockelskulptur, zur Mobilität, zum Sponsoring, zur Privatisierung des Öffentlichen) und die Integrität der Idee darin, daß Friedl diese Produktion nicht wiederholen wird.

Bremen, im Stadtraum, bis 26.Juli.

Katalog in Vorbereitung.

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