Kultur : Die Kuschelecke

Gemütlichkeit – was ist das eigentlich? Stille und Kerzen? Das Oktoberfest und ein Prosit? Früher fand man sie jedenfalls gut. Heute nicht mehr uneingeschränkt

Christine-Felice Röhrs

Professor Brinkmann: „Es hat ein bisschen Gemütlichkeit Einzug gehalten in der Schwarzwaldklinik.“

Oberschwester Hildegard: „Gemütlichkeit? Das ist Schlamperei!“

Auf der Suche nach der Gemütlichkeit ist Annegret Kowald die erste Adresse. Wortwörtlich. Annegret Kowald hat mal die Deutsche Meisterschaft im Pfeifenlangsamrauchen gewonnen

, und zwar als Mitglied des Hamburger Damenclubs Gemütliche Pfeife. Deshalb steht Annegret an der Spitze der Liste, die die Stichwortsuchmaschine im Internet ausspuckt. Und weil man ja irgendwo anfangen muss bei diesem vertrackten Ding, das sich Gemütlichkeit nennt: ein Telefonat.

Annegret ist 50. Sie hat eine helle, fröhliche Stimme und macht gerade Urlaub in Travemünde, Blick über die Lübecker Bucht, einen Prosecco vor sich, sagt sie. „So, kann losgehen. Jetzt hab ich’s gemütlich.“ Im Weiteren stellt sich heraus, dass das Pfeifenlangsamrauchen wohl der ungemütlichste Teil ihrer Existenz ist, denn das ist Sport. Um die Pfeife anzukriegen, hat man bloß eine Minute und zwei Streichhölzer, und wenn man es nicht schafft, ist man raus. Um den Weltrekord zu brechen – drei Stunden, drei Minuten –, müsste man eine nachgerade atemlose Langsamkeit an den Tag legen! War es also nichts mit der ersten Spur? Führt sie bloß in die ungemütlichen Abgründe stoppuhrgestützten Ehrgeizes?

Neinnein, sagt Annegret. „Sie sind schon richtig bei mir. Mein Leben ist wirklich sehr gemütlich. Ich wohne in Vierlande, einem Gartengebiet im Osten von Hamburg, mit fünf Ohrensesseln im Wohnzimmer, vielen Pflanzen und Pferden vor dem Fenster.“ Volltreffer. Klar umrissene Gemütlichkeit, keine Scham (von der Gemütlichkeit und der Scham wird später noch die Rede sein).

Nur dass das leider so nicht weitergeht. Der Versuch, den Balu, der Bär, im Dschungelbuch anrät, der fällt dem Menschen nämlich gar nicht so leicht. Das hat vor allem damit zu tun, dass die Gemütlichkeit zwar oft zitiert wird, aber niemals definiert. Wahllos wird sie angewandt auf Wirte und Bäuche, Sofas und Kleidung, Stille und Kerzen, das Oktoberfest und ein Prosit. Wobei ebenfalls unklar bleibt, wie man sie überhaupt herstellt.

Die Hamburger Volkskundlerin Brigitta Schmidt-Lauber, die erste Wissenschaftlerin überhaupt, die sich an ein Buch zum Thema gewagt hat (Campus 2003), hat es auf den Punkt gebracht: Gemütlichkeit ist ein unerschlossener Begriff. Und im Übrigen ist auch durchaus nicht jeder dafür.

Verachtung versprüht zum Beispiel Günter Behnisch, großer alter Mann der deutschen Architektur, Erbauer Freiheit atmender, gläserner Bauten, zum Beispiel des Münchner Olympiastadions.

Folgende Situation. Ein Interview mit der „Zeit“. Journalist und Architekt sind (im Geiste) beim Potsdamer Platz angekommen, beim Backsteinturm des Architekten Kollhoff im Stil der Dreißiger.

– Behnisch: … dass manche Architekten aber auch alles auf ewig stellen wollten mit ihrem Natursteinwahn.

– Journalist: Aber ob der Herr Behnisch nicht auch denke, dass viele Leute sich nach diesem historisierenden Stil sehnten, nach Geborgenheit, Gemütlichkeit?

– Behnisch: „Wenn jemand Gemütlichkeit braucht, soll er sich eine Katze anschaffen. Ich habe zwei Katzen zu Hause, das ist gemütlich.“

Lebte Adolf Behne noch, er würde an dieser Stelle „guter Mann!“ rufen. Behne, Architekt und Wortführer der Avantgarde in der Weimarer Republik, hatte schon 1918 flammende Anti-Gemütlichkeitsreden gehalten. Das zum Beispiel ist von Behne: Gemütlichkeit sei ein geistloser, qualliger Beharrungszustand, in dem alle Werte stumpf würden. Ginge es nach ihm, würde heute nicht halb Berlin in Altbauwohnungen mit Dielen und Stuck leben, sondern in rebellischen Bauten wie den Estradenhäusern des Berliner Architekten Wolfram Popp – in Wohnungen ohne Wände also, und nach vorne raus eine so große Fensterfläche, dass man dem Mieter bis aufs Klo gucken kann. Behne schrieb: „Waren bisher alle Behausungen des Menschen weiche Prellböcke seiner Bewegungen, Versuchungen, die Dinge gehen zu lassen, so wird uns die Glasarchitektur in Räume stellen, die uns immer wieder hindern, in Stumpfsinn, Gewohnheit und Gemütlichkeit zu verfallen.“

Gemütlichkeit gilt den einen also als das Vorrecht von Katzenbesitzern sowie stumpfsinnsfördernd.

Und den anderen?

In einem Café in Berlin saß vor ein paar Tagen Riklef Rambow, Psychologe am Architekturlehrstuhl der BTU Cottbus und Mitinhaber von „Psy-Plan“, einem Büro für Architektur- und Umweltpsychologie in Berlin. Der Professor, 44, ein großer, blonder Mann mit dunkelgerahmter Brille und Tweedjacket, hat als Treffpunkt das Café Olivia an der Wühlischstraße in Friedrichshain vorgeschlagen. Er setzt sich an einen Tisch vor der Tür. Autos lärmen vorbei, es nieselt, und der Professor rafft sein Jacket gegen die Kühle zusammen. Wieso er nicht reingeht? „Nicht so gemütlich“, sagt er und nickt hinein ins puppenstübchenhafte Laden-Café mit der Blumentapete und den Wänden voll glänzender Schokoladen.

– Autorin: „Es sieht aber doch sehr gemütlich aus!“

– Professor: „Zu eng. Die Vorstellung, dass jemand jedes Wort mithört, finde ich nicht gemütlich. Gemütlichkeit hat ja immer etwas mit Schutz zu tun. Mit einem subjektiven Gefühl der Kontrolle über seine Umgebung.“

Riklef Rambow ist neben Kulturwissenschaftlerin Schmidt-Lauber einer der wenigen Wissenschaftler, die sich getraut haben, die Gemütlichkeit mal ernst zu nehmen. In diesem Fall hat der Architekturpsychologe eine Gruppe Studenten darauf losgelassen. Ihm war aufgefallen, dass das private Bild von Gemütlichkeit oft mit dem öffentlichen Raum kollidiert. Geht’s nicht gemütlicher?, fragt der Bürger und schaut fröstelnd aufs Kanzleramt aus Waschbeton. Aber unter Stadtplanern und Architekten, sagt Rambow, sei Gemütlichkeit eben „negativ konnotiert“. Sie seien noch immer stark geprägt von der Klassischen Moderne, von Visionären wie Corbusier, Gropius, van der Rohe, von Menschen, die fanden, dass da, wo die klare Linie aufhört, das Chaos beginnt. Ein Chaos, das sie mit hierarchischen Strukturen in Politik und Familie assoziierten, mit einem Mangel an Licht, Luft und Kreativität.

Riklef Rambow ist diese Askese der Kollegen, der damaligen wie der heutigen, allerdings zu ungemütlich. Er findet: „Es gibt Formen der Gemütlichkeit, derer man sich nicht zu schämen braucht.“

Das Bedürfnis nach Gemütlichkeit ist, historisch gesehen, übrigens noch jung. Man kann sagen, die Menschen des 17. Jahrhunderts wollten es sich noch nicht gemütlich machen. „Gemütlichkeit“, sagt Riklef Rambow, „ist ein Begriff, der erst mit dem Entstehen des Bürgertums aufkam. Das ist auch logisch, denn in den Schlössern der feudalen Gesellschaft war sie schlecht möglich, und für die armen Schweine in den überfüllten Hütten war die Privatheit, die als Voraussetzung da sein muss, nicht herstellbar.“

Erst um 1790 wird das Wort in die Schriftsprache eingeführt – angeblich von Goethe übrigens. Und je schneller sich in der folgenden Zeit die Gesellschaft veränderte, durch Industrialisierung und Kriege, „desto mehr verstärkte sich das Bedürfnis nach einem höhlenhaften Innenraum, der dem Gemüt, der Seele guttat“, sagt die Bürgertumsspezialistin Ute Frevert, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin.

Gemütlichkeit war also ursprünglich ein Wohlfühlbegriff. Das ist er heute nicht mehr uneingeschränkt. Es gibt Leute, die heftig bestreiten, Gemütlichkeit sei für sie ein Kriterium. Ihr Gott könnte Adolf Loos heißen, Stiltheoretiker des frühen 20. Jahrhunderts. Sein Credo hieß Schlichtheit. In einem Aufsatz, den er ausgerechnet „Ornament und Verbrechen“ nannte, schrieb er: „Ich habe folgende erkenntnis gefunden und der welt geschenkt: Evolution der kultur ist gleichbedeutend mit dem entfernen des ornamentes aus dem gebrauchsgegenstande.“

Und es stimmt ja: Was der Gemütlichkeit einen komischen Geschmack verleiht, irgendwie kleinbürgerlich, ist, dass sie kulturgeschichtlich aus einer Zeit stammt, die in der ironischen Rückschau Biedermeier genannt wird: eine Zeit zwischen Revolution und Reaktion, in der die Menschen ihren Fluchtpunkt im Privaten fanden. Diese Zeit sei „wohnsüchtig“ gewesen, hat Walter Benjamin mal gesagt. Die Wohnung als „Futteral des Menschen“. Dick abgepolstert gegen die feindliche Außenwelt lebte Herr Biedermeier inmitten einer Unzahl von Accessoires: Uhren, Schoner, Läufer, Klapperdeckchen, Spielkarten, Sofakissen.

Aber ist das neue Jahrtausend nicht auch wohnsüchtig? In Berlin berichten Zeitungen schon vom „Verdrängungswettbewerb“ der Einrichtungshäuser. Die Deutschen, europaweit führende Hersteller und Käufer von Möbeln und Accessoires – sind sie die neuen Biedermänner?

Das neue Jahrtausend, geprägt von Terrorwarnungen, Reformdebatten und Finanzkrisen, böte zumindest Grund genug für den Rückzug auf sich selbst. Der jüngste „Spiegel“ hat das „Ende der Gemütlichkeit“ sogar auf der Titelseite verkündet. Ob die Deutschen deshalb aber nun flächendeckend zu Biedermännern werden, darüber streiten die Experten. Einerseits konstatieren die Trendforscher schon länger Phänomene, die sie erst Cocooning nannten, jetzt Nesting oder „Neue Heimeligkeit“. Als Belege führen sie die steigende Zahl der TV-Kochshows an, die das Werkeln am heimischen Herd zum Gipfel der Freizeitgestaltung erheben, „neue Wertedebatten“ sowie den reißenden Absatz von Kaminöfen und Raumsprays.

Andererseits, erklärt Trendata-Chef Roland Schuller, gibt es ja nie nur einen einzigen Trend. Und sie entstehen immer im Gegensatz zueinander. Die „Neue Heimeligkeit“ zum Beispiel im Gegensatz zum „Extrem mobilen Menschen“. Es entsteht da also eher eine Art Gemütlichkeits-Mutation denn neues Spießertum. Und da ist es plötzlich kein Widerspruch mehr, dass der extrem mobile Mutant sich mitten in Berlins stylisher Mitte in Kneipen wohlfühlt, die „Wohnzimmer“ heißen und von plüschiger Vollgestopftheit sind. Er heilt sich einfach selbst. Er verpasst sich jene Dosis Gemütlichkeit, jene Stabilität, die die erodierenden Großstrukturen ihm nicht mehr geben können.

… das „Wohnzimmer“ nennst du gemütlich?, fragt entsetzt der Kollege, als er beim Textlesen an dieser Stelle angekommen ist. Ich nenn’ das muffig! Und da ist er wieder, der Gemütlichkeitsgraben.

Aber wie entsteht dieses subjektive Empfinden von Gemütlichkeit? Wieso findet zum Beispiel die Volksbühnen-Schauspielerin Sophie Rois Behaglichkeit dort, wo andere sich gruseln? In einem Tagesspiegel-Interview zumThema hat sie mal gesagt, sie sitze „wahnsinnig gerne in diesem scheußlichen Steakhaus am Alexanderplatz mit Blick auf die Karl-Marx-Allee“. Und im McDonald’s in Friedrichsfelde hatte sie angeblich sogar „schon lupenreine Glückserlebnisse“.

Aber Sophie Rois ist ja auch in einem 300 Jahre alten Haus aufgewachsen und zudem auf dem Dorf. Möglicherweise hat diese Kindheit Frau Rois Idyll-vergiftet. Da müssen die Träume von Behaglichkeit ja anders aussehen als die von Menschen mit Plattenbausozialisation. Offenbart der individuelle Gemütlichkeitsbegriff also freudianische Abgründe?

Und was ist außerdem mit dem Verdacht, dass die Deutschen besonders gemütlichkeitsanfällig sind?

Dieser Verdacht besteht schon länger. Denn Gemütlichkeit hat etwas mit Gemüt zu tun, „und Gemüt“, sagt die Bürgertumsexpertin Ute Frevert, „war das, was die Deutschen im späten 18. Jahrhundert zum Nationalcharakter erklärt hatten“. Genauer: „Urthümliche Anlage des teutschen Gemüths“ ist Liebe zu Natur und Familienleben. So steht es in der 1853 erschienenen Allgemeinen Encyklopädie der Wissenschaften und Künste unter „Gemüth“. Nicht umsonst gilt der Begriff als unübersetzbar. Das Oxford English Dictionary versucht es unter anderem mit „the quality of being gemütlich“.

Auf der Wühlischstraße, im Gespräch mit dem Architekturpsychologen, fängt es jetzt richtig an zu regnen, und widerstrebend stimmt er zu, das Café Olivia zu betreten. Er setzt sich auf den Fensterplatz und verschränkt die Arme vor der Brust. Er spricht jetzt sehr leise. Natürlich sei der Begriff von Gemütlichkeit biographieabhängig, murmelt er, des einen Gemütlichkeit sei des anderen Ungemütlichkeit. Aber: Es gebe doch einen Aspekt, der jedermanns Gemütlichkeit innewohne. „Gemütlichkeit erfordert ein Element der Vertrautheit“, sagt Riklef Rambow. Woraus man folgern kann: Die Gemütlichkeit lässt das Fremde nicht zu. Denn um das Gefühl des Vertrauten hervorzurufen, muss selektiert werden. Müssen nicht nur Möbel, sondern auch Menschen und Ansichten ausgesucht werden, die den geschützten Raum nicht sprengen – und automatisch jene abgewehrt, die es tun. Hier kommt ins Spiel, was viele der Gemütlichkeit vorwerfen: der Mangel an Aufgeschlossenheit, der Muff. Was man der freundlichen Annegret von der Gemütlichen Pfeife, dem Kegelclub Gemütlichkeit Schaafheim oder dem Schützenverein Gemütlichkeit aus Bayerdilling ja nun nicht pauschal unterstellen will. Vereinsmeierei ist kein schönes Wort. Andererseits steigert man Gemütlichkeit nicht umsonst ins Saugemütliche…

Und wie geht Gemütlichkeit jetzt?

Die Fotografen der Wohnmagazine legen Felle aufs Bett, ganz Deutschland kauft Ikeakerzen im Familienpack, und die Bewohner von Wolfram Popps Einzimmerbauten stellen Raumteiler auf. Die Ikonographie der Gemütlichkeit, schreibt Kulturwissenschaftlerin Schmidt-Lauber, ist für die meisten Menschen doch dieselbe: überschaubare Räume, warme Farben, Holz, alte Möbel. Packt man also alles zusammen in ein Zimmer, hat man es gemütlich, oder? Nö. Immer noch nicht. Beispiel: die Schauzimmer in Möbelhäusern voller Kissen und Kerzen, bei denen man vielleicht „hübsch“ sagen würde oder auch „nicht hübsch“, aber nie gemütlich. Weil? Ja, warum?

Man kann Gemütlichkeit eben nicht „entwerfen“. Vielleicht, weil Gemütlichkeit vor allem etwas mit der Kombination von Zutaten zu tun hat, die nicht alle stofflicher Natur sind. Wohnzimmer aber, wie sie Ikea erfindet, wirken eher steril, wenn sie zu Hause nachgebaut werden, eben weil sie nur stofflicher Natur sind.

Gemütlichkeit ist nichts, was dem Objekt per se anhaftet. Menschen wirken ja auch nicht wirklich gut gekleidet, nur weil sie ein Katalogmodell eins zu eins an sich selber nachgebildet haben. In der Tat werden sie vor allem dann für Stil bewundert, wenn er nicht dem Schema F entspricht. Carrie aus „Sex and the City“ war das beste Beispiel. Ursprünglich ist sie einmal globales Stilvorbild dafür geworden, dass sie verrückt zusammengewürfeltes Secondhandzeug trug oder sogar Trash.

Mehr Mut zum Müll also? Zur Seele? Oder zur Schlamperei, wie Oberschwester Hildegard schimpfen würde?

Wem das nicht liegt: Man kann das auch sein lassen, das mit der Gemütlichkeit. Dann ist man unter Umständen einfach nur gut eingerichtet.

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