Kultur : Die Lachmannschaft

Zwischen Mao und dem elektrischen Stuhl: Hamburg zeigt chinesische Gegenwartskunst

Peter Becker

Das chinesische Lächeln marschiert in Masken und Massen eilig voran, und es könnten die feixenden Ikonen so viel hintersinniger Höflichkeit auch schon etwas ganz anderes bedeuten. Das große Zähnefletschen. Den Sprung des Tigers mit seiner Milliarde Köpfen, vorwärts nach Westen – und über den Westen hinweg, denn die neue Weltmacht umrundet den Globus ja immer schneller: auf dem Weg voran zu sich selbst. Also beißt sich der Tiger bald in den eigenen Schwanz.

Das ist das Bild, das der beeindruckte, benommene, fast schon eroberte Betrachter von der größten Ausstellung chinesischer Gegenwartskunst derzeit im Neubau der Hamburger Kunsthalle mit sich nimmt. Wo es im Stammhaus des Museums, bei Caspar David Friedrich und der „Erfindung der Romantik“, noch träumerisch selbstversunken zugeht, trotz der Besuchermengen, herrscht im steinern- gläsernen Kubus der Moderne ein anderes Tempo. In der Erdgeschosshalle empfängt einen die vielgestaltige Lach- Mannschaft immergleicher, lebensgroß grinsender Männerplastiken; Yue Min Juns Ensemble gleicht noch der ironischen Erinnerung an die Terrakottaarmeen in chinesischen Königsgräbern. Dann fährt man im Aufzug wie in einer Zeitmaschine hoch in den dritten Stock, um die Ausstellung „Mahjong“ durch alle Räume des Neubaus von oben herab zu begehen.

Im symbolischen Himmel thront zunächst Mao nebst Tschou-enlai oder gar Nordkoreas Kim Jong Il senior, alle verewigt in den Tausendroteblumen-Schinken jener Propagandamalerei, die heute als Erbe der Kulturrevolution nur noch popbunt wirkt und gleichfalls so ironisch gebrochen, dass die Übergänge zur bewussten Reflexion ab den späten 1970er Jahren bisweilen kaum zu erkennen sind. Doch dann geht es von der jüngsten Vergangenheit rasant in die Gegenwart. Wenn nicht schon: in die Zukunft.

Dieser Eindruck des Übersprungs ist das Frappante der Hamburger Schau, die nach einer ersten Präsentation im Herbst 2005 in Bern nun erweitert und neu kuratiert die Kollektion des Schweizer Sammlerpaars Uli und Rita Sigg vorstellt. Die beiden haben vor allem im letzten Jahrzehnt zusammengetragen, was den Kern der chinesischen Kunst von 1970 bis heute ausmacht. Und diese weltweit einzigartige Sammlung beschwört tatsächlich das Reich der Mitte. Eine Mitte, nicht etwa nur den exotischen Rand der Gegenwartskunst. Man sieht, was die Filmemacher Chinas oder Musikvirtuosen wie Lang Lang schon geschafft haben, den Sprung an die internationale Spitze, das haben Chinas Maler, Videokünstler, Raum-Installateure, Fotografen und Skulpturisten ebenso hungrig, clever, neugierig im Visier.

Der große Aufbruch während der staatskapitalistischen Reformära Dengs ab Ende der siebziger Jahre war ansatzweise schon in den Neunzigern etwa im Berliner Haus der Kulturen der Welt, in internationalen Galerien und dann in größtem Stil 1999 bei der Biennale in Venedig zu erleben. Dort hatte Harald Szeemann die lachfratzenhaften Menschenklon-Porträts eines Yue Men Jun oder den kapitalen Kannibalismus grotesker Muskelmanager in den großflächigen Gemälden Yang Shaobins oder die uniformen Polizeifotos Zhang Huis emphatisch, fast hellsichtig in den Mittelpunkt gerückt. Einige dieser Werke finden sich nun bei den Siggs in „Mahjong“ wieder. Wobei der Ausstellungstitel das chinesische Nationalspiel aus 144 Farbwürfeln und Symbolen zitiert.

Und wie Würfelmeister, sehr aleatorisch, hantieren Chinas Künstler tatsächlich mit allen Formen und Phänomenen des letzten Jahrhunderts der (zumeist westlichen) Weltkunst. Vom Konstruktivismus bis zum Surrealismus, von der Pop-Art bis zur räumlichen Auflösung der Malerei und zurück zum Tafelbild spielen die 125 in Hamburg ausgestellten, meist um die 40-jährigen Chinesen freilich nicht mehr nur die Klaviaturen des eben noch Fremden. Vor zehn Jahren hielt man das zuallererst für „Exportkunst“. Man sah darin vor allem die eilige Adaption amerikanisch-europäischer Trends, die in chinesischer Kunst bisher nie angelegt waren. Dort hatte auch jenseits der Parteidoktrin bis eben noch formalistische Tradition, kaum aber formensprengende Innovation regiert.

Doch mit solchen Widersprüchen, die überall die zerrissene Gesellschaft Chinas durchziehen, gehen die jüngeren Artisten bereits verblüffend souverän und oftmals auch witzig um. Der inzwischen in New York lebende Zhang Huan beispielsweise setzt einem kahlrasierten jungen Mann chinesische Schriftzeichen wie Zitate der Tuschkalligrafie und konkreter Poesie ins Gesicht, immer mehr schwarze Zeichen – bis am Ende der neunteiligen Fotoserie das Porträt des hellhäutigen Mannes mit den dunklen Pupillen zum Bild eines Schwarzen mit weiß herausleuchtenden Augäpfeln geworden ist: „Family Tree“ nennt das Zhang. Oder ein Animationsfilm mit kleinen Lehmfiguren zeigt so schrecklich grotesk wie realistisch eine Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl.

Man weiß da oft nicht, was noch Parodie des Westens, was privater Sarkasmus oder gar ins eigene Regime zielende Kritik (etwa der Todesstrafe) darstellt. Zugleich aber ist der Betrachter gefangen von der technischen Virtuosität, mit der Chinesen nicht mehr epigonal, sondern mit dem Selbstbewusstsein der Kinder von Mao und Coca-Cola den körperverstümmelnden Sexwahnsinn à la Chapman und McCartney sich anverwandeln oder mit grausig-komischen Mutanten in Formaldehyd das Panoptikum eines Damien Hirst fast altmodisch, fast alteuropäisch museal erscheinen lassen. Zum ironischen Selbstreflex gehört auch, wenn Shi Xinning den Vorsitzenden Mao als imaginären Ausstellungsbesucher über Marcel Duchamps berühmtes Ready-Made-Pissoir staunen lässt oder Wang Xingwei Albert Einstein und Duchamp als letzte Überlebende eines Unfalls neben einem amerikanischen Autowrack platziert. Der Physiker schlägt sich dabei die Hände vors Gesicht, der Vater der Moderne schaut tagträumerisch aufs Meer. Auf den Pazifik, Richtung China?

Mahjong. Chinesische Gegenwartskunst aus der Sammlung Sigg. Hamburger Kunsthalle bis 18. Februar, Di-So 10-18 Uhr (Do bis 21 Uhr), Katalog 27,90 €.

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