Kultur : Die Ladenhüter

Im Auktionsherbst stehen der zeitgenössischen Kunst harte Zeiten bevor

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Nach dem überraschenden Aufschwung des Kunstmarkts im ersten Halbjahr lautet nun die Frage: Was bringt der Herbst? Wird sich, wie Christie’s-Chef Ed Dolam erwartet, das „globale Vertrauen in den Kunstmarkt fortsetzen“? Oder werden sich Wirtschaftsangst und die neue Vorsicht bei der Kunst zu einer double dip-Rezession verdichten?

Alle Augen richten sich nun auf die zeitgenössische Kunst. Die beiden Auktionshäuser Sotheby’s und Christie’s verkauften im ersten Halbjahr Kunst und Kunsthandwerk für 4,9 Mrd. Dollar. 2007, im Rekordjahr, waren es fast zwei Milliarden mehr. Die aktuellen Gewinne gehen in hohem Maß auf Rekordpreise etwa für Giacometti oder Picasso zurück. So wurden bei Christie’s im Segment Moderne und Impressionisten 569 Mio. Pfund, bei den Zeitgenossen nur 307 Mio. Pfund umgesetzt – im Wunderjahr 2007 lag die Contemporary Art am Ende mit 772 Mio Pfund vor dem Moderne-Segment (714 Mio. Pfund). Ohne einen Aufschwung der Contemporary Art, der keine Grenzen durch die Knappheit des Materials gesetzt sind, wird der Kunstmarkt die alten Höhen nicht so schnell erreichen.

Ein erster Test ist der 25. September, wenn Sotheby’s in New York Kunst aus dem legendärsten Bank-Crash der Geschichte versteigert. Die Konkursverwalter von Lehman Brothers verkaufen die letzten Suppenknochen. Nützen wird es wenig. Drei Auktionen, bei Freeman’s in Philadelphia, Christie’s in London und Sotheby’s, sollen zwölf Mio. Dollar bringen – die Bank hatte Schulden von 612 Mrd. Dollar. Am interessantesten ist Damien Hirsts Vitrinenarbeit „We’ve Got Style“, mit 800 000-1,2 Mio Dollar das teuerste Los. Denn die Preise von Künstlern, die wie Hirst zu den Exponenten des Hypes gehörten, entscheiden über die Zukunft. Auktionshäuser nehmen die Kunst solcher Stars – zu denen auch Takashi Murakami, Jeff Koons oder der Berliner Anselm Reyle gehören – seit längerem zögernd in die Auktionen. Das Motto heißt „Qualität verkauft sich“, aber Kunst, „die nur die Produktionslinie füttert“, wie Christie’s-Experte Francis Outred es nennt, gehört nicht dazu.

Hirsts Vitrine entstand 1993, ein frühes Werk. Das Parallelstück „Yellow“ wurde 2000 bei Christie’s für 113 750 Pfund versteigert. „Pink“ brachte 2007 dann 804 500 Pfund. Daran orientiert sich nun die Schätzung. Aber die Lehmann-Provenienz wird steigernd wirken – man spricht vom „Car Crash Appeal“ der berühmten Konkursmasse.

„Frühe Werke, die Hirst selbst herstellte, kosten das Gleiche wie vor zwei Jahren oder mehr. Spätere Werke aus dem Studio haben sich im Preis halbiert, manche sind um 60 oder 70 Prozent gesunken“, weiß Investor Philip Hoffmann vom Kunst Investment Fonds Fine Arts Fund Ltd. So gesehen stehen die Chancen für die Hängevitrine besser als für unzählige „Spot Paintings“ aus später Massenproduktion.

Der Contemporary-Markt hat seit der Krise neue Qualitätskriterien entwickelt. „Wohlhabende Sammler geben ihr Geld nur für das Beste oder im Fall extremer Notpreise aus“, sagt Hoffmann, der mit einem neuen Fonds gezielt Kunst von krisengebeutelten Anlegern erwirbt. Wie Halsey Minor, der Gründer der Internet-Publikation CNET, der wegen Schulden und Rechtsstreitigkeiten verkaufen musste. Seine Sammlung war jedoch gut. So brachte das Insidern zufolge „beste Nurse Painting von Richard Prince“, die „Hollywood Nurse #4“, im Mai bei Phillips de Pury 6,4 Mio. Dollar, den dritthöchsten Preis für Motive dieser Art.

Qualität und niedrige Preise kommen jedoch nur in Glücksfällen zusammen. Dazwischen gibt es massenhaft Kunst, die vor einem Auslese- und Abwertungsprozess steht. „Künstler, die mehr auf einer PR-Welle gewachsen sind als durch ihr künstlerisches Können, haben es in der Rezession schwer“, fasst Constanze Kubern als Kunstexpertin des Castlestone Kunstinvestment Fonds Modern Collection zusammen. Sie denkt an Werke aus den Großstudios von Hirst oder Koons, aber auch an deutsche Maler wie Matthias Weischer, Franz Ackermann oder Anselm Reyle, die über Nacht teuer geworden waren, deren Markt nach 2008 aber einbrach. Reyles Preise wurden in die Höhe getrieben, weil sich „Marktbeweger“ wie Francois Pinault, Charles Saatchi und die Gagosian Galerie auf ihn stürzten. Mit dem Crash drückte eine Serie von Auktionsflops die Preise. Werktypen, die zuvor 300 000 Dollar kosteten, brachten gerade noch ein Drittel. Im Februar 2010 stabilisierten sich die Preise, und im Juni brachte Reyles Hochglanzbronze „Harmony“ bei Christie’s 277 250 Pfund. „Wenn die Preise tief genug gefallen sind, wird es immer jemand geben, der zugreift“, meint Hoffmann.

Aber auch das gilt nur für Kunst mit Zukunft, die von Galerien und Museen gezeigt wird. So wirkten die Reyle-Retrospektive in Tübingen und eine Ausstellung der Gagosian Galerie stabilisierend. Noch wichtiger ist die Preisstützung durch Galeristen in den Auktionen. „Größere Galerien können nicht zulassen, dass ihre Kunden durch niedrige Auktionspreise verschreckt werden”, bestätigt Hoffmann. Solche Maßnahmen funktionieren jedoch nur, wenn maßgebliche Sammler und Museen die Kunst ebenfalls stützen und sie einen Platz im Kern der Kunstgeschichte hat – wie früher Hirst, der eine ganze Generation von Künstlern beeinflusste. Viele, die zu teuer das Falsche kauften, werden auf ihrer Kunst sitzen bleiben. Das Preismanagement dieser Kunstmassen dürfte den Markt für Zeitgenossen noch lange prägen. „Wenn einer 30 Jahre warten kann, wird es sich lohnen“, meint Hoffmann sarkastisch. Seine Fonds kaufen und verkaufen Contemporary Art in kurzen Zyklen von zwei bis drei Jahren. Hoffmann weiß, wie schnell die Geschmacks- und Popularitätszyklen der zeitgenössischen Kunst vorübergehen.

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