Kultur : Die längsten Ferien der Welt

O ano em que meus pais ...

Christina Tilmann

Brasilien ist Weltmeister, im Finale gegen Italien 1970 in Mexiko, das ganze Land jubelt und feiert. Nur ein kleiner, fußballbegeisterter Junge wandert allein durch die Straßen von São Paulo. Die Stunde des größten Triumphs ist für ihn die einsamste seines Lebens.

In dieser beklemmenden Parallelführung kulminiert Cao Hamburgers Wettbewerbsbeitrag „O ano em que meus pais sairam de ferias“ (Das Jahr, als meine Eltern in Urlaub waren). Ein konzentrierter, eindringlicher Film mit seinem ganz eigenen, schönen Rhythmus. Ein Jahr im Leben des zwölfjährigen Mauro (Michel Joelsas), dessen linksaktivistische Eltern urplötzlich in „Ferien“ verschwinden und ihn vor der Tür des Großvaters absetzen. Ferien, mehrere Monate lang, und das zu Fußballweltmeisterschaftszeiten? Davon träumt doch jeder Junge, der wie Mauro zu Hause leidenschaftlich Tischfußball spielt und am liebsten einmal Torwart werden möchte. Doch für Mauro sind die fußballbegeisterte Clique um die kesse Nachbarstocher Hanna (Daniela Piepszyk) und die humorvollen Rivalitäten der italienischen und jüdischen Mannschaft in São Paulos Multi-Kulti-Stadtteil Bom Retiro nur ein schwacher Trost. Er erfährt schmerzlich, was Einsamkeit ist. Am Ende der „Ferien“ ist er erwachsen geworden.

Die „bleiernen Jahre“ der brasilianischen Militärdiktatur, die untergetauchten Eltern, die nichts von sich hören lassen, plötzliche Polizeigewalt und Studentendemonstrationen: Das erinnert entfernt an Christian Petzolds „Die innere Sicherheit“, der ebenfalls aus Kindersicht eine Geschichte des Verschweigens und Verschwindens erzählte. Doch bei Cao Hamburgers Spielfilm dreht sich alles um die jüdische Gemeinde von Bom Retiro, in die der plötzlich alleinstehende Mauro gerät – ein großer Teil des Films wird Jiddisch gesprochen. Die erste Ablehnung des „Gojs“, der dann zärtlich Moses, „Mojsele“, getauft wird, schlägt in allgemeine Fürsorge um, und vor allem der mürrische Nachbar Shlomo (wunderbar knarzig: Germano Haiut) freundet sich langsam mit seinem unerwarteten Mitbewohner an. Mauro wird seine „Ferien“ nicht vergessen. Auch wir träumen uns vielleicht noch in diesen stillen Berlinale-Beginn zurück.

Heute 9.30 und 23.30 Uhr (Urania) und 20 Uhr (International), 16. 2., 16 Uhr (Zoo Palast)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben