Kultur : Die Lärmmaschinen bleiben stumm

KUNST

Bernhard Schulz

Bei der Fülle an Futurismus-Ausstellungen seit der legendären Übersicht, mit der Venedigs Palazzo Grassi 1986 eröffnet wurde, verwundert es, dass dergleichen in Wien seit 1912 nicht mehr zu sehen war. Nun also holt das jüngst zum BA-CA Kunstforum mutierte Kunstforum der Bank Austria das Versäumte nach. Unter dem Titel „Futurismus. Radikale Avantgarde“ versammelt die Ausstellung gut 200 Leihgaben, die neben den dominierenden Gemälden auch Literatur und Propaganda und sogar Geräuschmaschinen umfassen (Wien, Freyung 8, bis 29. Juni. Katalog bei Mazzotta, 33 €). Die Wiener Ausstellung zeigt nichts grundstürzend Neues, beeindruckt aber mit exzellenten Leihgaben. Man kommt aus dem Staunen kaum heraus: Umberton Boccionis „Das Lachen“ und Carlo Carràs „Begräbnis des Anarchisten Galli“, beide 1911 und beide aus dem New Yorker Museum of Modern Art, dazu Luigi Russolos „Revolte“, ebenfalls 1911 (Den Haag), lohnten allein schon die Reise, um den geradezu explosiven Beginn des Futurismus nachzuerleben. Doch daneben gibt es Giacomo Ballas eiskaltes „Auto in Fahrt“ (1913) zu sehen sowie von Gino Severini der riesenformatige „Pan-Pan-Tanz im ,Monico‘“ (1909/59); ferner die hinreißende Collage „Bildnis des Dichters Paul Fort“ (1913/14), die die Brücke schlägt zwischen Paris und Mailand, zwischen Kubismus und Futurismus. Von besonderem Reiz ist die Präsentation der futuristischen Dichtung, die in ihrer neuartigen Typographie zugleich ein visuelles Ereignis war – und ein lautmalerisches dazu. Schade nur, dass die Nachbauten von Luigi Russolos archaischen Lärmmaschinen „Intonarumori“ von 1913 im Kunstforum stumm bleiben!

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