Kultur : Die Lage der Sophiensäle

Jost Kaiser

In den Sophiensälen gilt das alte 70er Jahre Theatermotto, das heute nur noch Gesamtschullehrer in Giessen oder Wuppertal für fortschrittlich halten: das Gediegene, das Professionelle, das Schöne ist bereits der erste Schritt zur Manipulation und Verdrängung der Welt, wie sie wirklich ist und die ist gemein, abgründig und gehört ordentlich über diesen Tatbestand aufgeklärt. Hier gilt: Inhalt statt Form! Und deshalb brökelt überall der Putz, wenn er denn überhaupt vorhanden ist. Ist das Anstreichen und Verputzen der Wände bereits der erste Schritt zur neurotischen Verdrängung durch schönen Schein? Oder Klos, die nicht muffig riechen? Stattdessen herrscht etwas, das dieses Theater gar nicht so sehr vom Busen-Sender RTL 2 unterscheidet: die Obsession zur Nacktheit. Nichts verbergen! Nackte Wände, nackte Schauspieler, nackte Realität. Und deshalb ist es zwar ungerecht zu erwähnen aber eben doch symptomatisch, wenn am Testabend, es gibt Federico Garcia Lorcas "Bernarda Albas Haus", zu Beginn (und zugegeben nur kurz) nackte Männer auf Hockern kauern die später dann Frauen spielen. Die "moralisch-kulturelle Konstruktion Frau", wie es im schönsten intelektuellen Dummdeutsch im Programmheft heisst. Dabei erweckt der seit nunmehr dreissig Jahren grassierende Zwang zur Zwanglosigkeit der hier noch regiert, dieser angestrengte Nonkonformismus, der sich durch Biertrinken während der Vorstellung manifestiert, eine Sehnsucht: nach Pomp, nach der "kulturellen Konstruktion Frau" im Abendkleid und der "kulturellen Konstruktion Mann" im Anzug, nach Champagner und gutem Essen nach der Vorstellung. Kurzum: nach der schönen Form, die nicht gleich Misstrauen am Inhalt hervorruft.

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