Kultur : Die Lage des Berliner Ensembles

Torsten Hampel

Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn ist die Dame im hölzernen Kassenhäuschen des Berliner Ensembles sehr liebenswürdig. Das Casino sei dort, wo es immer war, sagt sie dem ersten Gast, es sehe jetzt nur anders aus als früher. Die Wände sind nun weiß und an die Stelle der Hängelampen mit den staubig-verblichenen Papierschirmen ist indirektes Licht aus Leuchtstoffröhren getreten, das man kühl nennen könnte. Licht wie innen im Kühlschrank. Allen, die optische Reize nicht automatisch mit Temperaturen assoziieren, hilft die schlaue Wirtin auf die Sprünge und sperrt die Eingangstür weit auf. Es dauert allerdings seine Zeit, bis die Fußkälte zu den Knien herauf gekrochen ist. Erst am Ende der Vorstellung, die der Casino-Gast anschließend besuchen will, wird es so weit sein.

Neu am BE-Casino ist auch die Getränkekarte. Die gab es vor dem Umbau nicht. Das Bier steht ganz oben, ein Drittel-Liter gezapftes Kindl-Pils kostet den Gast drei Mark fünfzig. Das BE trinkt billiger. Hier Beschäftigte zahlen nur zwei Mark achtzig. Den Rabatt nutzen indes nicht alle. Der Schauspieler Josef Bierbichler zum Beispiel schlägt ihn aus. Wahrscheinlich aus Anstand, denn ein "richtiger" BE-Angestellter ist er nicht. Er hat einen Gastvertrag für eine Rolle, er spielt einen Wirt. Er, der ausgewiesene Gerstensaft-Kenner (Rolle, Name, bajuwarische Herkunft) Bierbichler also, wird nachher, nach der Vorstellung, am Casino-Tresen stehen und ein Schwarzbier der Marke "Märkischer Landmann" verlangen, das ihn eigentlich drei Mark kosten würde. "Drei fuchzig" wird er sagen und mit diesem Gebot fast an die drei Mark siebzig kommen, die der gemeine Gast zu zahlen hätte.

Die Privilegien der Ensemblemitglieder gehen noch weiter. Sie dürfen anschreiben lassen. Allerdings nur innerhalb "einer Schicht, wenn ein Schauspieler im Kostüm mal kein Geld dabei hat", sagt die Wirtin. Die Namen der Kantinen-Gerichte geben sich volkstümlich. Auf der Karte stehen "Strammer Max", "Kartoffelsuppe mit Einlage" und "Bulette mit Brot". Es gibt auch Exotisches für Fleischboykotteure - damit deshalb niemand dem BE-Casino den Verlust seiner proletarischen Bodenhaftung vorwerfen kann vorsichtshalber mit eingebautem Schreibfehler. Eine "Gemüsepfanne mit Baguette" kostet fünf beziehungsweise sechs Mark fünfzig.

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