Kultur : Die Lampensammler

Erster Stecher: Ein Quartett-Spiel würdigt die Berliner Straßenbeleuchtung

Kerstin Decker

Er steht ganz vorn auf dem S-Bahnsteig Tiergarten, direkt über der Straße des 17. Juni. Die Sonne, die alte Leuchte, ist ein restroter Ball und geht gleich unter. Das ist die Dunkelstunde, sagt Cornelius Mangold.

Die was ...? Cornelius Mangold trägt jetzt ein leicht viereckiges Lächeln, wiederholt das Wort und schmeckt es nach. Dunkelstunde. Er mag es. Bis vor kurzem kannte er die Dunkelstunde auch nicht. Bis er der größte lebende Spezialist für die Berliner Stadtbeleuchtung wurde. Die Dunkelstunde, erfahre ich, ist die Definition der Zeit, da es nicht hell ist. Es ist die Zeit, wenn das angeht, was Mangold in den letzten Jahren am meisten beschäftigt hat: die Berliner Stadtbeleuchtung. Und es passiert wirklich. Die Allee der Albert-Speer-Lampen brennt. Die Lampen an den hohen trutzigen schwarzen Säulen scheinen zu exerzieren.

Mangold zuckt unmerklich zusammen. Nicht wegen Hitlers Architekt, sondern wegen des schrecklichen Wortes. „Lampe“. Wie kann man bloß Lampe zu einer Leuchte sagen? Nur die Laien nennen eine Leuchte Lampe. „Ich kann mir das nicht mehr leisten, ich verliere sonst meine ganze Reputation.“ Das Gehäuse, erklärt Mangold, ist die Leuchte, und nur was drin ist, ist die Lampe.

Dann ist die Sonne weg. Ist die Sonne eigentlich eine Leuchte oder eine Lampe? Mangold weiß das auch nicht. Aber da die Sonne kein Gehäuse hat, ist sie wohl eine Lampe. Vielleicht ist der Lampen- Leuchten-Unterschied der einzige, den Cornelius Mangolds nagelneues Quartett „Stadtbeleuchtung. Berliner Lichtelemente“ vergessen hat zu erklären.

Das Kartenspiel mit den „Berliner Lichtelementen“ (Verlag superclub) ist der direkte Nachfolger des Kartenspiels „Plattenbauten“ von 2001, das zum Kult-Quartett der Berliner Jugendlichen wurde und sich bisher fast 25000 mal verkaufte. Aber im Ernst: Ein Kinder-Kartenspiel, wer spielt denn das noch? Keiner, sagt Mangold, das war es doch. Höchste Zeit, das zu ändern.

Mangold ist Mitte dreißig und hat Architektur in Berlin und Delft studiert. Wenn er nun ein richtiges Architekten- Buch über Berliner Plattenbauten geschrieben hätte, wer hätte das gelesen? Menschen, die schon alles über Berliner Plattenbauten wissen. Niemals 25000 oder vielmehr 75000 – denn drei Mitspieler sollte eine Quartettrunde schon haben. Außerdem ist so ein Kartenspiel viel billiger als ein Fachbuch. Wir verteilen die Stadtbeleuchtungs-Karten auf dem Bäckertisch. Ein Quartett hat vier Karten. Ich könnte jetzt alle vier „Hauptstraßenleuchten Langmast“ sammeln oder die „Verkehrsflächenleuchten Hochmast“. Bemerkenswert sind auch die „Anliegerflächenleuchten Kurzmast“.

Florian Braun heißt der Fotograf, der sich auf hintergründige Lampen-Porträts spezialisiert hat. Auf einer „Hauptstraßenleuchte Langmast“-Karte schaut der große steinerne Lenin-Kopf mit revolutionärem Blick direkt auf das Modell „Hellux Koffer/ NAV 70“. Alles, was man unbedingt über das Modell „Hellux/ NAV 70“ wissen muss, steht ebenfalls auf der Spielkarte: „Zündzeit, 360-600 Sekunden, Lichtpunkthöhe 800 cm, Lampenanzahl 1, Energieverbrauch 70 W/h, Aufstellungsjahr 1995.“ Darunter haben Mangold und seine Mitarbeiterin Claudia Basrawi jeweils kleine, einfühlsame Leuchtenporträt geschrieben: „Werkzeugloser Lampenwechsel mittels Kniehebelverschluss. Ca 6000 Leuchten im gesamten Stadtgebiet im Einsatz.“

Draußen brennen selbstgewiss die Albert-Speer-Leuchten, auf der anderen Seite der S-Bahn Brücke die hohen Peitschenleuchten, unter der Brücke aber mehrere Natriumdampf-Hochdrucklampen. Leicht zu erkennen an ihrem gelblichen Licht, erklärt Mangold. Besondere Anhänger der Natriumdampf-Hochdrucklampe waren die DDR und die Tierschützer, weshalb die DDR früher mal ganz gelb war, vor allem nachts. Die Tierschützer schätzen besonders den günstigen Einfluss auf das Paarungsverhalten der Insekten, denn ins Natriumdampflicht fliegen sie viel weniger als in das Neonlicht der Peitschenleuchten.

Wir lassen die Peitschenleuchten, die Benutzer des Quartetts künftig fachmännisch „Hauptstraßenleuchte Bogenmast“ nennen können, links stehen und gehen den Weg mit den schönen alten Gaslaternen in den Tierpark. Auffällig ist, dass keine einzige schöne alte Gaslaterne in dem Quartett vorkommt. Bei der Wortgruppe „schöne alte Gaslaterne“ hebt Mangold leicht die Augenbrauen. Er hat ja nichts gegen Schnörkellampen. Aber er besitzt nun mal ein Herz für diskriminierte, beleidigte, verachtete und entrechtete Architekturformen. Hätte er sonst ein Quartett über Plattenbauten gemacht?

In Plattenbauten wohnen nicht nur die Arbeitslosen und die Rechtsradikalen, nein, Plattenbauten sind schön. Oder zumindest: anders. Bewohnenswert, dachte Mangold aus Hamburg und zog mit seiner Freundin geradewegs in einen richtig echten, kantigen DDR-Plattenbau. Bestimmt stand eine Hauptstraßenleuchte Bogenmast „VEB LBL Schiff/NAV 175, Ansatzleuchte aus Leipzig“ davor. „Seit 1960 im republikweiten Einsatz“. „Ab 1974 wurden in der Hauptstadt die Berliner Ansatzleuchten (LBB) durch die Leipziger Ansatzleuchten (LBL) ersetzt“. Welche Hauptstadt? Na die der DDR, sagt Mangold. Er schätzt die Originaltexte.

Es ist stockdunkel. Bis wir, aus dem Tierpark hinaustretend, einem besonders anrührenden Exemplar der Kugelleuchte begegnen. Und dahinter auf der Kreuzung, was ist denn das? Natürlich eine Verkehrsflächenleuchte Hochmast, Typ Hellux Koffer/ NAV 150, 6 Lampen! Wir Leuchtensachverständige halten den Blick im konstanten 90 Grad-Winkel und haben nur Augen für das, was sonst keiner sieht: die Straßenbeleuchtung.

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