Kultur : Die „Landshut“ von innen

Martin Rupps schildert eindrucksvoll die Folgen der Entführung der Lufthansa-Maschine für die Geiseln.

Berthold Merkle

Deutschland im Herbst 1977: Terroranschläge der RAF, Schleyer- Entführung, das Drama um die Lufthansa-Maschine „Landshut“, die Ermordung von Flugkapitän Jürgen Schumann durch die palästinensischen Kidnapper und schließlich die Befreiung durch die GSG 9 auf dem Flughafen Mogadischu. Jeder kennt diese Geschichte. Martin Rupps gibt sich in seinem detailreichen Werk aber nicht mit dem Bekannten zufrieden, er schaut ein zweites Mal hin – mit erstaunlichen und oft auch schockierenden Ergebnissen. Scheinbar unbeteiligt dokumentiert der Autor das dramatische Geschehen dieser Woche im Oktober vor 35 Jahren.

Von einer Minute zur nächsten geraten 86 Passagiere aus ihrer sorglosen Touristenwelt in Todesangst. Statt einem schnellen Routineflug zurück in den Alltag beginnt eine grausame Odyssee. 106 Stunden sind die Geiseln in der Hand der vier Entführer. Für Rupps ist dies nur der äußere Rahmen, ihn interessiert, was dort geschehen ist. Wie haben die gefangenen Passagiere und die Mannschaft in der gekidnappten Maschine reagiert? Vor allem: Was hat das alles aus ihnen gemacht? Deshalb bleibt Martin Rupps nicht an einer Stelle stehen, er nimmt viele Perspektiven ein. Und er macht nicht, was immer wieder seit Mogadischu gemacht wurde in Filmen, Zeitschriften und Büchern: Die vielen Schilderungen der „Landshut“-Entführung ausschlachten und zu einer neuen Version zusammenbasteln. Der Autor lässt in seinem Werk die Geiseln zu Worte kommen, die Stewardessen und den Kopiloten. Wie bei einer Collage ergeben die zahlreichen Interviews, persönlichen Schilderungen und Aufzeichnungen ein ganz großes Bild mit vielen kleinen Details.

Der Herbst 1977 ist eine Zäsur für das wohlstandsverwöhnte Deutschland. Die RAF-Terroristen zwingen die Nation in eine Rolle, die sie bis dato nicht kennt: Angst und Schrecken, Leiden und Tod. Mit der Schleyer-Entführung und schließlich der „Landshut“ eskaliert die Situation zur gewalttätigen Krise – auf die das Land, die Bevölkerung und seine Regierung nicht vorbereitet sind.

Rupps schildert die unterschiedlichen Verhaltensmuster, nach denen die Akteure reagieren: die nach außen getragene Gefühlskälte von Bundeskanzler Helmut Schmidt und seinem Unterhändler Hans-Jürgen Wischnewski, das er mit den Jugenderlebnissen der beiden Angehörigen der Kriegsgeneration erklärt; die Bürger im Land sind emotionaler und rufen schnell nach Rache; und die Geiseln sehen sich in ihrer Todesangst in der kleinen B 737 als Opfer der großen Politik. Vergebens hoffen sie auf einen Gefangenenaustausch. Exemplarisch dafür steht die Aussage von Matthias Rath, der am Dienstag, 18. Oktober, 1977 in Frankfurt voller Freude über die geglückte Befreiung landete, „aber auch voller Zorn über die unverständliche Haltung der Regierung“.

Hier beginnt das eigentliche Drama. Die Aktion der Terroristen hat einen Toten gefordert, aber 90 andere Opfer: die Überlebenden. Psychologische Betreuung ist damals noch nicht üblich. Mühsam und entwürdigend müssen die Passagiere ihre Ansprüche einklagen. Erst nach mehreren Monaten nehmen zwei Psychotherapeuten ihre Arbeit auf. Doch rasch stellt sich heraus, dass diese Treffen eher dem Sammeln von Forschungsergebnissen als der konkreten Therapie dienen. Opfer sind nicht nur die Toten, meint Rupps angesichts dieser Erfahrungen.Demzufolge sind auch die Ansprüche auf finanzielle Entschädigungen bescheiden. „Die befreiten Geiseln waren Hinterbliebene ihrer selbst. Und das war vom Gesetzgeber nicht vorgesehen“, schreibt Rupps.

Der Autor hat ein längst fälliges Buch vorgelegt. Sein sachlich-protokollarischer Stil zeigt das Geschehen von 1977 und seiner Folgen umso drastischer. Rupps ist damit ein Stück großartige Geschichtsschreibung gelungen. Leidenschaftlich wird er erst am Schluss: Mit seiner Forderung, die alte B 737 von ihrem Abstellplatz in Brasilien zurückzuholen und als Denkmal aufzustellen. „Die Erinnerung an eine der dramatischsten Tage der deutschen Nachkriegsgeschichte sollte diesen Erinnerungsort wert sein“, schreibt er. Es wäre das Ende einer sehr langen Reise.









– Martin Rupps:

Die Überlebenden

von Mogadischu.

Suhrkamp Verlag, Berlin 2012. 341 Seiten, 21,95 Euro.

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