Kultur : Die lange Bank der Demokratie

Irak vor der Tür: Zwei Ausstellungen der Kunst-Werke über Flucht und Transit erweitern unsere Welt

Ulrich Clewing

Im Erdgeschoss der Kunst-Werke sieht es so aus, als sei ein Filmvorführer in einem Kino verrückt geworden. Überall bewegte Bilder und Diashows, dazu ertönt eine Kakophonie unterschiedlicher Geräusche und Soundtracks. Nur an der Stirnwand der großen Halle herrscht Ruhe. Dort breitet sich über die gesamte Länge eine riesige Reproduktion des Gemäldes „Kaffeehaus in Bagdad“ aus, das der Maler Faisel Laibi Sahi 1984 im englischen Exil schuf: In realistischem, fast naivem Stil erzählt es von einer verlorenen Vergangenheit und jener Melancholie, die sich einstellt, wenn man Menschen die Rückkehr zu ihren Wurzeln verwehrt.

Das Motiv des Exils ist in der gesamten Ausstellung „The Iraqi Equation“ präsent, mit der die ehemalige DocumentaChefin Catherine David nun in den Kunst-Werken ihre Reihe „Contemporary Arab Representations“ fortsetzt. Dass so viele Kunstwerke vom Exil erzählen, verwundert kaum, handelt es sich bei zeitgenössischen irakischen Werken doch überwiegend um eine Kunst der Fluchterfahrung. Künstler im Irak zu sein, hieß mehr als vierzig Jahre lang, eben nicht im Irak zu sein, sondern in Großbritannien, Frankreich, Deutschland, den USA – unausweichlich als Fremder.

Das sind Umstände, in denen die Erinnerung eine Hauptrolle zu spielen beginnt. Catherine David, die schon bei ihrer Documenta 1997 in Kassel eine Sektion „Retroperspektive“ einführte, war auch in Berlin darum bemüht, das im Kunstbetrieb traditionell teilweise dramatisch kurze Gedächtnis zu stärken. In einer Diaprojektion huschen Bilder vorüber, die der Fotograf Latif el Ani Anfang der sechziger Jahre vor der Machtergreifung Saddam Huseins in Bagdad aufgenommen hat. Sie zeigen – den Ölmilliarden sei Dank – eine Stadt mit beinahe utopischem Antlitz: die neuesten Errungenschaften der Technik, die kühnsten Bauten im einträchtigen Nebeneinander mit Moscheen und anderen Insignien arabischer Identität. Das Panorama der Gegenwart, das sich in „The Iraqi Equation“ bietet, bekommt ein Fundament.

Ein zweites wiederkehrendes Merkmal der Ausstellung ist der Hang zu Videofilmen – nicht, weil es den persönlichen Vorlieben der Kuratorin entspricht. Der Grund dafür ist ein anderer: Video stellt das künstlerische Medium dar, das gerade in den eher abgelegenen kulturellen Zonen, die David gern beleuchtet, am einfachsten zu handhaben ist. Für einen Film braucht man nur eine winzige Kamera, bei Gemälden oder Skulpturen dagegen ist der Aufwand ungleich größer.

Im westlichen Kunstbetrieb ist Catherine David sicher eine der beeindruckendsten und unkonventionellsten Ausstellungsmacherinnen. Sparten, Kategorien und die gängige Konsensfindung des Marktes sind Dinge, die man von der Frau aus Paris nicht erwarten darf. In ihren Ausstellungen verschwimmen die Grenzen der Kunstgattungen bis zur Unkenntlichkeit, Dokumentarfilme können den Status von Kunstwerken erlangen und Kunstwerke den Status von Beweisstücken, die nicht für sich stehen, sondern eine These stützen. Dabei hat man stets den Eindruck, dass es in den Ausstellungen nichts Zufälliges gibt. Alles hat einen Sinn, ist Baustein in einem großen Gefüge, durchkomponiert und gleichzeitig locker und offen.

Was von der Zukunft des Iraks zu halten ist, bleibt ebenfalls nicht ausgespart. In der Halle steht eine gut sechs Meter lange Holzbank. Das Werk des 1957 in Kirkuk geborenen, in Ankara zum Architekten ausgebildeten Talal Refit trägt den beziehungsreichen Titel „Demokratie“. Dass die „auf die lange Bank“ geschoben wird, ist ein Wortspiel, das Refit nicht unbekannt sein dürfte – er lebt seit einigen Jahren in Bad Bentheim.

Wer glaubt, das alles beträfe die Deutschen und Europäer nur am Rande, sollte die zweite Ausstellung der Kunst-Werke nicht verpassen. „B-Zone: Becoming Europe and Beyond“ (kuratiert von Anselm Franke) zeigt ähnlich wie „The Iraqi Equation“ Arbeiten, derer man mit den hergebrachten Kunstbegriffen nur unzureichend Herr wird. Videos, Installationen, Power-Point-Präsentationen kommen im Gestus von Forschungsergebnissen und Dokumentationen daher – was sie natürlich nicht sind. Aber das schmälert ihren Wert nicht, im Gegenteil. Auch hier geht es um harte politische Themen: um Migration, illegalen Grenzübertritt, Doppelidentitäten und quasi exterritoriale Transiträume. Bloß dass sich das Ganze nicht im fernen Irak abspielt, sondern vor McDonald’s in Athen, im ehemaligen Jugoslawien oder noch näher: am Mittleren Ring in München.

In einem der ergreifendsten Werke, einem Film des griechischen Regisseurs Freddy Viannelis, schildern junge Männer aus der Türkei ihre Versuche, die EU-Grenzen zu überwinden. Die Apathie, mit der sie von den Toten erzählen, die ihre Reise forderte, signalisiert: Sie würden es wieder tun, ohne Rücksicht gegen sich und andere. Eine der Lehren der Ausstellungen lautet: Es ist an der Zeit, sich einem Problem zu stellen, das sich durch Restriktionen nicht lösen lässt.

Kunst-Werke Auguststr. 69, bis 26. 2. Di–So 12 –19 Uhr, Do 12 –21 Uhr

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