Kultur : Die lange Buchnacht in der Oranienstrasse und andere Leckerbissen

Bruno Preisendörfer

Heutzutage haben nicht nur Leute oder Firmen oder Behörden oder TV-Sendungen eine Internetadresse, sondern auch Straßen: Tippen Sie www.oranienstrasse.de in den Computer und schon wird ihnen auf dem Bildschirm das vollständige Programm der "Dritten langen Buchnacht in der Oranienstrasse" serviert. Vom Büro des Verlages Schöffling & Co in der Reichenberger Strasse 8 über das Kreuzberg Museum in der Adalbertstrasse 95a und die Berliner Handpresse in der Prinzessinnenstrasse 20 bis zum Atelier Handpresse in der Neuenburger Strasse 17 ist auch die nähere Nachbarschaft in die O-Strassen Aktionen am Samstag eingebunden.

Es beginnt um 15 Uhr in der Buchhandlung Dante Connection (O-Strasse 165 a) mit einem "Workshop für Menschen ab 4", in dem es zum Beispiel um Tomaten toastende Tiger geht; und es klingt aus um ein Uhr nachts in der ehemaligen Tiefgarage mit dem sechsten und letzten Teil der "Komplettlesung" des Romans "In New York" von Alban Nikolai Herbst, die um 20 Uhr bei Kisch & Co (O-Strasse 25) startet. Was lange währt wird manchmal gut. Herbst jedenfalls ist der bedeutendste Komplettleser der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Vor sechs Jahren, wenn ich richtig nachgerechnet habe, beeindruckte Herbst durch die marathonöse Komplettlesung seines Romans "Wolpertinger oder Das Blau". Als professionell kurzatmiger Kolumnist bleibt man von derartigen literatursportlichen Leistungen ausdauernd beeindruckt, der "Wolpertinger" hat schließend tausend Seiten.

Im Rahmen der Buchnacht feiert der Verlag Eichborn-Berlin (O-Strasse 185) ein "Hinterhoffest mit fremden Welten, mit Erotik und Damenbart und mit Musik". Die Sache mit dem Damenbart wird ab 19 Uhr 30 von Popette Betancor popettig abgehandelt. Mit den "fremden Welten" sind die science-fiktiven Kurzromane gemeint, die ab 18 Uhr von Kathrin Schmidt, Tobias O. Meißner und Zoran Drvenkar vorgetragen werden. Die Erotik folgt erst um 21 Uhr. Selbstverständlich wird das Licht angelassen. Die Betreuung unter dem Textmotto "Bitte streicheln Sie hier" übernehmen Susann Rehlein, Steffen Kopetzky und Nicolaus Kühn.

Wenn Sie mit dem Streicheln aber nicht bis Samstag warten wollen, können Sie sich morgen schon ein paar Streicheleinheiten abholen: "Ich lehnte mich an ihn und legte seine Hand auf meine Brust, während ich ihn wieder küsste." Dieses Lehnen und Legen findet in einer alten Kutsche statt, und zwar während eines Festes anlässlich der Eröffnung eines landwirtschaftlichen Freilichtmuseums. Und das alles passiert in dem Roman "Frau Sartoris" von Elke Schmitter, der eine Art modernisiertes Mini-Remake von "Madame Bovary" ist. Dort ist die Kutsche zum Beispiel noch aktuelles Verkehrsmittel; sie steht nicht in Museen herum, sondern poltert mit verhängten Fenstern durch die Strassen, während: na-Sie-wissen-schon. Was aber die "Landwirtschaftsausstellung" bei Flaubert angeht, so handelt es sich dabei um eine der gelungensten Passagen in der Romanliteratur des 19. Jahrhunderts. Elke Schmitter liest aus ihrem Roman um 21 Uhr im Ballhaus Berlin (Chausseestrasse 102). Hinterher gibt es Knabberzeug mit Tanzmusik. Und sollte ihr Tischtelefon sich zum Bimmeln entschließen, können Sie womöglich "anbahnen" und weiterstreicheln. Ob Elke Schmitters Roman im Literarischen Club von Martin Lüdke, Gustav Seibt, Jörg Magenau und Beate Pinkerneil gestreichelt wird, erfahren Sie am Montag ab 20 Uhr im LCB.Aus der Serie: "Babel & Co "

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