Kultur : Die lange Glut des Sommers

Die deutschen Top Ten machen die Auktionshäuser Villa Grisebach in Berlin und das Kunsthaus Lempertz in Köln weitgehend unter sich aus

Michaela Nolte

Nach einem gemächlichen Frühlingserwachen, bescherte die zweite Auktionsstaffel dem deutschen Kunstmarkt einen putzmunteren Spätherbst, der vor allem in den beiden großen Häusern Begeisterung entfachte. Lempertz in Köln verbuchte eine Zuwachsrate von 18 Prozent, die Berliner Villa Grisebach mit einem 40-prozentigen Plus gar den höchsten Anstieg zum Vorjahr in ihrer Geschichte. Auch das Ranking der zehn höchsten Zuschläge bestreiten das rheinländische Traditionshaus und die vergleichsweise junge Konkurrenz an der Spree nahezu allein. Zeigte sich die Bestenliste im Jahr 2001 mit je zwei Platzierungen für Grisebach, Lempertz, Ketterer und Neumeister sowie jeweils einer für van Ham und Nagel noch ausgewogen, so verlagern sich die Anteile seither stetig zugunsten von Lempertz und Grisebach. Einzige Ausnahme als Sechstes unter den Spitzenlosen 2004 ist Gerhard Richters „Abstraktes Bild“ von 1988, das im Mai bei Ketterer in München für 552000 Euro versteigert wurde.

Den Preisgipfel eroberte das Kunsthaus Lempertz mit Kurt Schwitters „Relief mit gelbem Viereck 2“. Das letzte Merz-Relief des Dadaisten, das sich noch in Privatbesitz befand, geht nun aus den USA ins niederländische Kröller-Mueller-Museum, das sich die Trouvaille für 1,46 Millionen Euro sicherte und damit einen neuen Weltrekord aufstellte. Daneben belegt ein Picasso-Stillleben (927000 Euro) den zweiten und eine herbstliche Murnau-Ansicht Wassily Kandinskys mit 512000 Euro den achten Platz.

„Ein Bombenjahr“, jubelt Lempertz-Inhaber Henrik Hanstein, und sieht die Gründe für den Erfolg nicht zuletzt im starken internationalen Engagement. Ein Drittel der Einlieferer und Käufer kommen mittlerweile aus dem Ausland und bei der letzten Asiatika-Versteigerung betrug der Exportanteil stolze 80 Prozent. Mit einem Bruttoumsatz von 35 Millionen Euro bleibt Lempertz deutscher Marktführer, bedient dabei allerdings ein breites Spektrum, zu dem auch afrikanische Kunst sowie die Alten Meister zählen. Auch in diesem Segment gab es Rekorde: So brachte das Altar-Triptychon eines Genter Meisters aus dem späten 15. Jahrhundert einen Erlös von 415000 Euro (Platz 10).

Wenn die Villa Grisebach das Jahr mit einer Bilanz von 26,2 Millionen beschließt, so liegt sie damit zwar hinter dem Kölner Unternehmen, erreicht dieses Ergebnis jedoch mit weniger Auktionen und einem auf die Moderne konzentrierten Programm. Bei der Fotografie-Auktion im Herbst erzielte Grisebach 14,7 Millionen Euro gegenüber knapp 12 Millionen Euro, die Lempertz innerhalb der vergleichbaren Sparten einnahm.

Insgesamt gehen fünf der Top Ten-Positionen in diesem Jahr an das Berliner Auktionshaus: Rang drei gebührt Emil Noldes „Sommerglut“ (852500 Euro), gefolgt von Alexej von Jawlenskys „Abstraktem Kopf: Atonal“, der mit 599500 Euro zum teuersten Exemplar dieser Werkgruppe avancierte, aus der ein weiterer „Abstrakter Kopf: Geheimnis“ mit 461500 Euro Platz neun belegt. An fünfter Stelle steht Max Liebermanns „Strandbild mit spielenden Kindern“ (580000 Euro), und mit 519000 Euro für ein Bild von Keith Haring (Platz 7) konnte die Villa Grisebach auch für einen zeitgenössischen Künstler einen neuen Höchstpreis vermelden.

Die Konkurrenz zwischen den Häusern nimmt Henrik Hanstein sportiv: „Wenn Grisebach Rekorde einfährt, ist das für uns durchaus positiv, und umgekehrt; weil das vor allem beweist, dass man auch in Deutschland gute Preise erzielen kann.“

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