Kultur : Die lange, kurze Leitung

Bernhard Schulz über deutsch-russische Empfindsamkeiten

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Hoch schlagen die Wellen der Empörung über Gerhards Schröders neuesten Streich. Den Aufsichtsratsvorsitz einer Firma anzustreben, die er soeben erst mit aller Macht seiner zu Ende gehenden Kanzlerschaft durchgesetzt hatte – das ist ein starkes Stück.

Deutschland und Russland allerdings sind die Akteure einer aufs Engste und über Jahrhunderte hinweg immer wieder auch aufs Tragischste verbundenen Geschichte. Über Schröders als „strategische Partnerschaft“ überhöhte Männerfreundschaft zu Präsident Putin mochte man wohlfeil die Nase rümpfen – und geflissentlich übersehen, welche Emotionen auf russischer Seite berührt werden, weit jenseits Putinscher Machtallüren. Es ist die große Eigentümlichkeit – den Russen zugetanere Zeitgenossen werden sagen: das große Wunder –, dass die furchtbare Vergangenheit des Zweiten Weltkriegs keine spürbare, schon gar keine mehrheitlich geteilte Völkerfeindschaft nach sich gezogen hat. Aber es gibt russische Empfindlichkeiten. Man muss sie nicht umstandslos bedienen, schon gar nicht, wo sie so durchsichtig instrumentalisiert werden wie im Fall der Beutekunst. Die große Empfindlichkeit jedoch, die es zu achten gilt, ist die eines latenten Minderwertigkeitsgefühls; des Ferngehaltenwerdens von Europa, vom Westen, von der Zukunft. Deutschland stand immer im Fokus dieser Ängste: als Vorbild, dann als Gegner, meist als ersehnter Freund.

Wie immer Schröders jüngster Gasleitungs-Coup unter innenpolitischen Gesichtspunkten zu werten ist – und da muss das Urteil wohl vernichtend ausfallen –, unter dem Gesichtspunkt der fragilen und zugleich doch so unendlich belastbaren deutsch-russischen Beziehungen ist er ein Akt von weithin strahlender Symbolkraft. Da ist ein Spitzenpolitiker, der sich ein Dringlichkeitsvorhaben russischer Politik ganz zu Eigen macht, ungeachtet aller hiesigen Einwände. Nach solchen Symbolen sehnt sich das Reich im Osten. Zu stolz, ebendies je zuzugeben, registriert man es doch aufs Genaueste. In Russland lagert ein riesiges, immaterielles Kapital, das nur auf Nutzung wartet: das der Zuneigung, der ganz und gar irrationalen Freundschaft zu uns Deutschen – das eines gewaltigen „Dennoch“.

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