Kultur : Die Langeweile der inszenierten Oberfläche

ULRIKE BAUREITHEL

"Alles, was man in der Stadt überhaupt machen kann, inbegriffen das Eheglück, ist Stückwerk. Wer das nicht erträgt, zieht sich zurück auf die Gartenarbeit." Als literarische Laubenpieper wollten die, die da vorne auf dem Podium saßen, natürlich nicht erscheinen. So blieb Peter Wawerzinek, der diese Diagnose stellte, nichts anderes übrig, als mit der desolaten Durchschnittsbefindlichkeit jener zu kokettieren, die sich über dem Laubenpieper-Durchschnitt wähnen und, wie der aus Rostock stammende Autor stellvertretend erklärte, "seit vielen Jahren an Berlin keinen Spaß mehr" haben. Statt in die Stadt zu entführen und durch die Stadt zu verführen, nahm der "Küstenbeschleicher" Wawerzinek sein Publikum mit auf ausgedehnte Dünenwanderungen an der Ostsee, bei denen, genaugenommen, auch nichts passiert. Diese programmatische Ereignislosigkeit, bei der schon das schiere Aufstehen beladen ist mit "Schuld und Komplexen", strömt in eliptischer Unendlichkeitsfolge von des Autors Lippen, und nur gelegentlich steigt aus dem Meer seiner Worte literarischer Mehrwert."Berlin-Literatur", zehn Jahre nach dem Mauerfall: Drei Autoren und drei "Literaturvermittler", die vor jungen Germanisten im unwirtlichen Ambiente der Rostlaube an der FU Berlin "Berlin-Literatur" vorstellen und über das "Spezifische" der aktuellen Berliner Literaturszene diskutieren sollten. Wawerzinek, wie gesagt, kapitulierte und rettete sich an den Meeresbusen; bei Kathrin Röggla aus Salzburg, seit 1992 in Berlin lebend, gipfelte der "Schulterschluß mit der Realität" in einer nicht näher beschriebenen "neunziger-Jahre-Erektion"; die Ostberliner Schriftstellerin Annett Gröschner verkaufte Halbgefrorenes am Stiel und berichtete, wie aus der überhitzten Theorie halbgare DDR-Praxis wurde.Was "Berlin-Literatur" aber wirklich ausmachen könnte, blieb auch in der nachfolgenden Diskussionsrunde diffus. Der Lektor Matthias Gatza stöhnte über die Flut der Memoirenliteratur und schrieb den jüngeren Autoren ins Stammbuch, daß die wiederholten "Schockerlebnisse der Großstadt" keinen unbedingten Erkenntniswert mehr haben. Auch der kürzlich vom taz- ins FAZ-Feuileton gewechselte Literaturkritiker Jörg Magenau bekannte seinen Überdruß an den inflationären Berlin-Sujets, die im besten Falle guter Journalismus, im schlechtesten nur mißlungene Abbildungen zufälliger Kiez-Kultur blieben. Texte, wie die Literaturwissenschaftlerin Birgit Dahlke sekundierte, die durch ihre inszenierte Oberfläche langweilten.Eigenartig nur, daß im spezialisierten Publikum niemandem die literaturhistorische Patina der gehandelten Begrifflichkeiten auffiel: Oberfläche, großstädtische Geschwindigkeit, Ungleichzeitigkeit, die Verlorenheit des Individuums in der Masse? Irgendwie alles schon mal dagewesen, meint man sich zu erinnern. Hat das "neue" Berlin der Literatur nichts Neueres zu bieten? Zur Qual der Fachleute wurde dafür zum x-ten Mal nach "dem" Berlin-Roman gefragt."Berlin-Roman"? Kein Mensch schert sich um die Literarizität Stuttgarts, und daß man sich nach dem Bonn-Roman sehnt, wird wohl auch noch eine Weile dauern. Das Lable erinnert an die einst glorreiche und dann so schmählich abgewickelte "DDR-Literatur". Das war die, von er man sich vor zwanzig Jahre im Westen Aufschlüsse über eine fremde, undurchsichtige Gesellschaft versprach. Mit der "Berliner Republik" ist sie und vieles mehr uns auf den Leib gerückt, mit all den Widersprüchen und Konflikten, die damals so fein säuberlich durch die Mauer getrennt schienen.In der neuen "Berlin-Literatur" taucht diese konfliktträchtige Gemengelage, die "Mischung der Milieus", wie Magenau monierte, jedoch nur selten auf. Aus der begrenzten Perspektive der Berliner "Event-Kultur" oder dem literarischen Laubenpieperdasein im "Pasternak" am Kollwitz-Platz ist dies auch kaum zu erwarten. Da bleibt nur das Welträtsel, wie man sich eine "neunziger-Jahre-Erektion" vorzustellen hat. Aber auch diese Frage wurde aufs nächste Semester vertagt, dann soll die Veranstaltungsreihe fortgesetzt werden.

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