Kultur : Die Last der Mauern

In München wurde die Villa Stuck aufpoliert – nun ist sie ein Juwel des Jugendstils

Mirko Weber

Gemütlich war die alte Villa Stuck immer, gemütlich, wie die Kammerspiele an der Maximilianstraße gemütlich waren, wo zusehends der Putz rieselte. Aber schön war es eben doch: die Patina und die leichte Verlebtheit der Einrichtung. Kaum dass nun die Kammerspiele wieder hergerichtet sind, eröffnet auch die Villa Stuck in der Prinzregentenstraße neu und frisch renoviert. Dreizehn Jahre haben die Arbeiten insgesamt gedauert, und nun sieht man nicht mehr, was man früher eben auch ganz gerne sah – die Wände, über die schon mal das Wasser gelaufen war, die Risse darin und die durchgelaufenen Böden, die einen glauben machen konnten, man sei am Ende doch auch ein wenig zu Hause in dieser Villa, die Franz von Stuck für sich selbst als Gesamtkunstwerk entworfen hatte.

Im Krieg wurde das Haus zum großen Teil zerstört, 1965 mit Ach und Krach wieder hergerichtet: als Museum. Jetzt, könnte man sagen, ist es endlich eines, nachdem das Innere der Villa ausgehöhlt wurde wie eine Nuss. Enno Burmeister hat vom Jahre 2000 an die architektonische Plombe implantiert. Insgesamt wurden sechzig Tonnen Stahlträger in den Bau gezogen. Die Holzdecken in der Villa Stuck halten jetzt bis zu 500 Kilogramm pro Quadratmeter, und das war bitter nötig, hatte doch Franz von Stuck mit Statik rein gar nichts im Sinn gehabt. Ihm reichte stets der schöne Schein. Die Architekten Heilmann und Littmann gingen also daran, die Lasten der inneren Mauernkonstruktion nach außen abzulagern – mit Erfolg. Wer nunmehr unter der sinnenraubenden Sterndecke des Musiksaales zu stehen kommt, muss nicht mehr fürchten, dass ihm der Himmel auf den Kopf falle. Ursprünglich war die Decke fast so dünn wie Butterbrotpapier. Darüber hinaus wirken die Farben so frisch, als sei 1900 das Vorjahr von 2005 gewesen. Nicht nur die Möbel sind restauriert und neu bezogen worden, auch die Mosaiken erstrahlen in neuem Glanz.

Die Welt von gestern, damals mit der Goldmedaille ausgezeichnet auf der Pariser Weltausstellung, war wohl noch nie so schön wie heute. So gesehen kann sich die Direktorin der Villa Stuck, Jo-Anne Birnie Danzker, glücklich schätzen, was sie auch tut. Die Last der Mauern jedoch ist nicht nur ein statisches Problem gewesen, auch inhaltlich stellt sich die Frage, wie man das Haus demnächst am besten bespielt. Welche Art von Ausstellung also kann neben der luxuriösen Grundausstattung überhaupt bestehen?

„L’Art Nouveau. La Maison Bing“ ist eine Schau, die ein Ausrufezeichen setzt. So und nicht anders wird es gehen. Die 350 Objekte zählende Hommage der Villa Stuck an den wohlhabenden jüdischen Kaufmann und Sammler aus Hamburg, Siegfried Bing (1835-1905), ist in Amsterdam vom Van Gogh Museum vorbereitet worden und geht anschließend aus dem Münchner Jugendstilmuseum nach Barcelona. Sie zeigt exemplarisch den Glanz von Bings Kunstsammlung. Seit 1854 arbeitet er in einer Pariser Dependance der Firma – und interessiert sich nach ausgiebigen Reisen nach Asien ernsthaft für die dort entstehende Kunst. Van Gogh wird später ein bevorzugter Kunde Bings werden, als er Holzschnitte für seine Sammlung ersteht.

Im Jahre 1895 erfindet sich Bing noch einmal teilweise neu, indem er Henry van de Velde beauftragt, zusammen mit Künstlern wie Maurice Denis und Albert Besnard (dessen wunderschöne „Frau mit blauem Gewand“ in der Münchner Ausstellung prominent platziert ist), vier Räume seiner Galerie „L’ Art nouveau“ mit Gebrauchskunst zu schmücken, ein Plan, der namentlich der französischen Kunstöffentlichkeit nun gar nicht einleuchtet. In Einzelteilen sind diese Stücke, die über das Dekorative hinaus wirksam sein sollten, jetzt in München zu besichtigen.

Für die Weltausstellung beugt sich Bing in seinem Pavillon mehr dem französischen Geschmack, und auch dies ist in München teilweise zu sehen: Wie aus einer organischen, zarten Idee durch Anpassung fast schon wieder eine Geschmacklosigkeit wird. Wuchtiger hat noch selten ein Jugendstil-Büffet im Raum gestanden als das von Eugene Gaillard – 1900 in Paris und heute hier. Wer daraufhin die Räume wechselt in München und zu Franz von Stuck konvertiert, fühlt sich dann doch wieder – fast daheim.

Museum Villa Stuck, Prinzregentenstraße 60, bis 31. Juli. Mittwoch bis Sonntag 11-18 Uhr. Katalog 32,50 €.

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