Kultur : Die Last des Schweigens: Chaya Czernowins "Pnima ... Ins Innere"

Christine Lemke-Matwey

Ein Raunen und Hauchen, ein Schnaufen und Stöhnen erhebt sich, hangelt sich quer durch den Backsteinbau des Carl-Orff-Saals im Münchner Gasteig, weht an unseren Sinnen vorüber, entschwindet, kehrt wieder, verröchelt, erstirbt. Zwei Figuren, vier Stimmen - und eine splitternde, quasi schizophrene Identität des Klangs. Stimme plus innere Stimme? Gegenwart und Gedächtnis? Lüge hier, Wahrheit da? Allerdings fällt den ganzen Abend über kein einziges richtiges Wort. Höchstens Silben oder Silbenähnliches: letzte Fetzen, Brocken, Trümmer einer gleichsam entkernten, jeder Melodie beraubten und doch "schönen", weil seelenvollen Sprache.

Instrumente und Life-Elektronik gesellen sich hinzu, helfen unter Johannes Kalitzkes sorgfältiger Ägide die Aura des Durchbrochenen, gespinsthaft Ruhelosen noch weiter zu verfeinern: das Münchener Kammerorchester im Graben, einzelne Solisten - Bläser, Bratsche, Cello, Percussion sowie eine singende Säge - zu beiden Seiten des Bühnenportals neben den Sängern (Philip Larson, Tom Sol, Ute Wassermann, Silke Storz). Dabei gleicht kein Ton dem anderen. Als definiere sie den Lauf des Lebens über das Ausmaß seiner sinnlich erfahrbaren Veränderungen, lässt die vielfach preisgekrönte israelische Komponistin Chaya Czernowin - Schülerin von Brian Ferneyhough und Roger Reynolds, Dozentin bei den Darmstädter Ferienkursen und seit 1997 Professorin an der University of Kalifornia in San Diego - kaum eine Note unkommentiert passieren. Ein Meer von Akzenten, hyroglyphischen Sonderzeichen und Anmerkungen schmückt die rund 70minütige Partitur von "Pnima... Ins Innere", ihre erste Arbeit fürs Musiktheater - ein bravouröser Konzentrationsakt für die Musiker und ein ernster, großer Erfolg für Peter Ruzickas nicht eben erfolgsverwöhnte Münchener Biennale.

Ein Sieg der kompositorischen Genauigkeit und Kompromißlosigkeit, zweifellos. Vor allem aber: ein Sieg der Kunst über jedes klebrige Betroffenheitspathos. Denn "Pnima... Ins Innere" ist auch eine Oper über den Holocaust, über die politische wie seelische Traumatisierung des 20. Jahrhunderts. In loser Anlehnung an David Grossmans Roman "Stichwort: Liebe" und ganz ohne Libretto entwickelt Chaya Czernowin hier die Psychogramme zweier konträrer Figuren: der alte Mann und der Junge, die zueinander gehören, aber nicht recht zueinander kommen, Großvater und Enkel - und die ganze Last des Schweigens zwischen ihnen. Richard Beek und der kleine Elias Maurides spielen ihre stummen Rollen, als stünden ihnen alle Worte dieser Welt zur Verfügung. Buchstäblich beredt, klar im Gestus und niemals peinlich in der Pantomime. Bewegende Momente, wenn sich der Junge zunächst nur mit einer Mickey-Mouse-Maske dem gebeutelten Alten zu nähern traut, oder wenn er ihm wenig später mit einer Lampe direkt ins Gesicht leuchtet - entnervt und des ewigen Versteckspiels müde.

Nichts auf der Welt ist selbstverständlich, sagt Czernowins Musik, und jeder künstlerische Ausdruck birgt vor allem eines: die Provokation, weiter zu schürfen in den Steinbrüchen des musikalischen Materials (an die die Komponistin auf unspektakuläre, Ideologie freie Weise glaubt), festzuhalten an der Differenzierung unserer Wahrnehmung - und sich mit dem Glatten, Heilen, Gefühligen in dieser Welt auf keinen Fall zufrieden zu geben. "Ich glaube, wenn wir sehr intensiv das Leben spüren", sagt Chaya Czernowin, "dann ist das nicht schön. Normalerweise ist das sehr unbequem. Es ist nie nur schön. Es ist reicher als das."

Und "reich" ist dieses Stück: reich an Geräuschen, reich an Klängen und Effekten, die in ihrer Intensität oft Schmerzhaftes, Konfliktträchtiges formulieren - und niemals bloß illustrieren. Auch Regisseur Claus Guth und sein Ausstatter Christian Schmidt sind dieser Versuchung nicht erlegen. Lange hat Münchens Musiktheater-Biennale eine derart professionelle, präzise gearbeitete, hoch musikalische, ästhetisch eigenständige und dem uraufzuführenden Stück dienende szenische Umsetzung entbehren müssen. Dabei mutet die Wahl der Mittel ebenso virtuos wie simpel an: auf eine portalgroße Leinwand wird in bewusst schummrigen, wackeligen Bildern eine Autofahrt projiziert: vom Gasteig quer durch die Münchner Innenstadt hinaus Richtung Dachau. Das dortige KZ freilich ist allenfalls zu ahnen, legt sich später, als die Leinwand denn herunterfällt, fast nur grafisch, in matrizenähnlichen Abzügen des berüchtigten Eisentores und der Pappelreihen im Landschaftshintergrund, auf die Gesichter der Darsteller. Auch der Raum hinter der Leinwand, ein schmuddeliger Keller oder Bunker mit abgeblättertem, türkisfarbenem Schutzanstrich assoziiert gewiss mehr als "nur" Historie, nur Vernichtungsduschen und Zyklon B: Das Grauen, sagen diese Metaphern, kennt täglich neue Gesichter. Blicken wir ihm ins Auge. Hören wir ihm zu. Erfinden wir eine Sprache dagegen.Mehr zum Thema unter: www.muenchen.de/biennale

0 Kommentare

Neuester Kommentar