Kultur : Die latente Kreativität des Orchester aus der Bismarkstraße

Sybill Mahlke

Wenn die Musiker den Mut dazu haben, sollen sie schreien. Im Schauspielhaus folgen sie den Anweisungen des Komponisten Leif Segerstam, der sich mit der Partitur seines Werkes "April" in der Hand an das Publikum wendet und von Sonne, Feuchtigkeit und Blumen spricht. Dirigentenlos will das Stück gespielt sein, um die "latente Kreativität" des Orchesters zu animieren. Da Segerstam am Flügel und der agile Konzertmeister Tomasz Tomaszewski die nötigen Führungsaufgaben wahrnehmen, sprießt die Musik, ranken die Farben, knospen die Soli.

Der fruchtbare Boden für Vogelgezwitscher und Menschenlaute tremoliert. Alle Brünnlein musikalischer Effekte scheinen für Leif Segerstam zu fließen, denn zwischen dem Ergänzungsband des Riemann-Lexikons und dem Presse-Info der Deutschen Oper hat er es von 14 auf 23 Symphonien gebracht, und im Abendprogramm des Konzerts sind es gar 33 geworden.

Hierzulande ist er eher als Dirigent bekannt, und den Älteren unter den Orchestermitgliedern der Deutschen Oper dürfte er als feuriger Verdi-Interpret in Erinnerung sein, weil seine Karriere nicht unauffällig in Berlin ihren Anfang genommen hat. Erfahren in der künstlerischen Leitung der berühmtesten nordischen Orchester kehrt er als Gast zurück und erscheint rundum wie ein verbreitertes finnisches Adagio-Gefühl. Den Werken seines Landsmannes Jean Sibelius kommt zugute, dass unter der Ruhe musikalischen Schreitens, die Segerstam verströmt, eine Erregung geblieben ist. Von Adagio zu Adagio führend, entfaltet sich die "gangartige Strophenserie" der durchkomponierten Symphonie Nr. 7 C-Dur, lässt sie ihre Themen pflanzenhaft keimen, wie der Dirigent die einfache aufsteigende Skala des Beginns zum sprechenden Signal für den Organismus des Ganzen macht. Segerstam dirigiert nichts auswendig, nicht einmal die National-Tondichtung "Finlandia", und während er in den Noten blättert, das freundliche Gesicht bartumrauscht, widerstrebt er äußerlich dem Image eines modernen Pultstars total. Trotzdem wirkt seine urwüchsige Musikalität gebieterisch.

Das späte Hornkonzert Nr. 2 Es-Dur von Richard Strauss ist zur Spezies der überflüssigen Musik zu rechnen. Wenn es aber so gespielt wird wie von Marie Luise Neunecker, kann es gar nicht lange genug dauern. Aus der epigonalen oder "abgeklärten" Sicht des zwanzigsten Jahrhunderts klingt es mozartisch mitten im Zweiten Weltkrieg. Was hier bewundert werden will, ist das gebundene Melodiespiel der erstaunlichen Solistin, ein Cantabile, das aus instrumentaler Könnerschaft die Macht der Phantasie gewinnt. György Ligeti schreibt an einem Konzert für sie.

Das Orchester der Deutschen Oper, das derzeit im Orchestergraben die Existenz des Bismarckstraßenhauses in einer streikähnlichen Verhinderung riskiert, steht nicht an, bei solcher Gelegenheit auf dem Podium mit seiner latenten Kreativität zu winken.

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