Kultur : Die Lebensabschnittspartnerin

21 Jahre lang hat es Hausdrachen Else Kling der „Lindenstraße“ nicht leicht gemacht – uns auch nicht. Nun muss sie gehen.

Markus Ehrenberg

Eigentlich wollte sie umgebracht werden. „Aus dem Haus gehen, von einer Kugel getroffen werden – und aus!“ So stellte sich Else Kling alias Annemarie Wendl vor Jahren ihren Ausstieg aus der „Lindenstraße“ vor. „Ich will ermordet werden“, sagte die Schauspielerin. Sie befürchtete, dass Produzent Hans Geißendörfer „sie langweilig im Bett sterben lassen“ wolle. Ganz so extrem wird es am 28. Mai nicht werden, wenn sich Deutschlands bekannteste Nachbarin, wenn sich Else Kling nach 21 Jahren aus der „Lindenstraße“ verabschiedet. Else Klings Tod ist „ein süßes Geheimnis“, heißt es im Umfeld der „Lindenstraße“. Es wird ein eher friedliches Ende der 91-Jährigen.

Eine Serienfigur stirbt. Na und, könnte man fragen. Das passiert öfters. Doch bei Else Kling ist das etwas Anderes. Die Kling ist ein Fernseh-Unikat, eines der letzten in der Masse aalglatter Seriendarsteller, mit Mutter Beimer die bekannteste Gestalt aus einer der ungewöhnlichsten deutschen TV-Serien. Ungewöhnlich nicht in dem Sinne von besonders gut oder schlecht. Ungewöhnlich im Sinne der Frage, wie die „Lindenstraße“ mit Zeit umgeht. In der „Lindenstraße“ gehen die Uhren im Unterschied zu anderen TV-Seifenopern nämlich nicht anders als im richtigen Leben. Die Erzählzeit der Lindenstraße ist eng mit der Lebenszeit der Zuschauer verknüpft. Eine Woche im Leben der Zuschauer ist eine Woche im Leben der Lindensträßler. 21 Jahre mit Else Kling sind 21 Jahre in unserem Leben. Keine andere Fernsehfigur haben wir über so einen langen Zeitraum altern sehen, Woche für Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Unsere „medialen Lebensabschnittspartner“, nennt das Georg Seeßlen in seinem Buch „Der Tag, als Mutter Beimer starb – Glück und Elend der deutschen Fernsehfamilie“.

Okay, Else Kling möchten selbst treueste Fans im wirklichen Leben kaum zum Lebensabschnittspartner haben. Aber auf sie verzichten? Als vor ein paar Wochen die Meldung von Else Klings Abschied durch die Medienrepublik ging, bewegte das ungefähr so wie damals der Abschied von „Tagesschau“–Sprecherin Dagmar Berghoff oder von „Derrick“ Horst Tappert. Es gibt keine Umfragen zum Bekanntheitsgrad von Else Kling, aber der dürfte nicht geringer sein als der von Thomas Gottschalk. Else Kling ist ein Stück Fernsehgeschichte. Sie war über lange Zeit die einzige, die in allen „Lindenstraßen“-Folgen auftreten durfte, über 52 Wochen im Jahr. Seit der ersten „Lindenstraße“-Ausgabe am 8. Dezember 1985 kommentierte Else als neugieriges „Waschweib“ in der Lindenstraße 3 die Menschen und Begebenheiten der Nachbarschaft. Zwei Jahre, bevor das Stichwort „Volkszählung“ durch Wohngemeinschaften geisterte und niemand wusste, wie das Wort Datenschutz buchstabiert wurde, tauchte da jemand im Fernsehen auf, der immer schon alles wusste, seine Finger in jeden Briefkasten steckte. Nichts und niemand blieb der alten Frau aus der Parterre-Wohnung verborgen. Else hörte alles, Else sah alles und vor allem: Else tratschte alles weiter. Und wurde mit dieser nicht gerad’ sonderlich beliebten Eigenschaft zur Kultfigur, im Fernsehen, in der Werbung, bei zig Fanclubs.

Was ist da passiert? Man ist ja nicht nur mit einer fiktiven Figur älter geworden, man hat die Querulantin lieben gelernt, trotz allem. Auf den ersten Blick erscheint das ziemlich paradox: die links angehauchte Familienserie des Alt-68ers Hans W. Geißendörfer mit all dem sozialdemokratischen Impetus und dazu eine Hauptfigur, die CSU wählt, Ausländer, Ossis und Anders-Aussehende nicht leiden kann. „Der Narr in der vor politischer Korrektheit strotzenden Serie“, schrieb die „FAS.“ Ohne Else Kling keine „Lindenstraße“, könnte man mit Georg Seeßlen meinen: „Das Fernsehen ist geschaffen, den Nachbarn in die Wohnung, in die Küche, gar ins Schlafzimmer zu schauen. Es ist nicht geschaffen für die Erzählung, sondern für den Tratsch.“

Blicken wir zurück. Am Anfang sah das nicht nach langem Glück, Tratsch und Elend aus. Als sich die neugierige Else Kling Weihnachten ’85 über einen Mäusekäfig im Hausflur beschwerte und mit der Hausmusik spielenden Familie Beimer der mediale Kleinbürgeralltag über uns hereinbrach, rümpften viele die Nase. „Schwarzwaldklinik“–Klinik Autor Herbert Lichtenfels höhnte, die Zuschauer seien „lieber krank in der Schwarzwaldklinik als gesund in der Lindenstraße“. Ein Irrtum. In besseren Zeiten war die „Lindenstraße“ das, was sich ihr Erfinder Hans W. Geißendörfer in Anlehnung an das englische Vorbild, die Dauerserie „Coronation Street“, gewünscht hat: ein Spiegel des normalen, täglichen Lebens in diesem Lande. Mehr als nur Seifenoper, mehr als nur „Nullmedium“. Mitte der 90er Jahre, mitten in der Ära des Lieblingsfeindbilds Helmut Kohl, hatte die „Lindenstraße“ Einschaltquoten bis zu acht Millionen Zuschauer. Heute, nach ein paar Dellen-Jahren, sind es im Schnitt fünf Millionen. Mit Schröder und dem rot-grünen Experiment wären der „Lindenstraße“ auch die Spitzen abhanden gekommen, sagen Kritiker.

Vielleicht haben diese Dellen auch mit Else Kling zu tun. Von all den Kleinbürgern aus der „Lindenstraße“ war die grantelnde Hausmeisterin die bildungsfernste. Geschaffen fürs scharfe Ressentiment und Vorurteil. Unentwegt kreiste Kling um die großen politischen und sexuellen Tabu-Themen der „Lindenstraße“, wie Rassismus, Homosexualität oder Asylpolitik. Kaum war die Mauer gefallen, intrigierte Else gegen die krebskranke Ossifrau, die „Brustlose“ oder gegen den dunkelhäutigen Mitbewohner und Freund einer polnischen Friseuse. Später besprühte Else die Scheiben des Reisebüros von Helga Beimer und entwickelte Unternehmergeist mit einem eigenen Waschsalon in der Lindenstraße, dessen Preispolitik mitunter neoliberale Züge annahm. Dazu das Abziehbild der gelangweilten Nachbarin: Kopf aus dem Fenster, Kissen unterm Arm. Wer all die Else-Kling-Bilder zu Ende denkt, landet irgendwann beim Blockwart…

Oder bei sich in der Kindheit. Das fällt einem auch auf, zum Abschied von Else Kling, zu der Frage, warum man die Alte jetzt nicht so einfach gehen lassen will. Wo sind eigentlich all’ die Fensterkissenhocker-Motzkis geblieben, die einem früher beim Bolzen auf der Straße die Bälle wegnahmen? Verschwunden. Hausdrachen der Art Else Kling taugten schon in der einfachen Welt der 80er Jahre nur mehr als Karikatur, als Feindbild, als jemand, an dem man sich behaglich reiben konnte. In keine TV-Produktion der Welt würde eine Else Kling heute noch hineingeschrieben werden. Selbst beim ZDF nicht. Nur im Universum der „Lindenstraße“, im Kampf Gut gegen Böse, hat die Figur jahrelang gepasst. Da schien der Fall Kling auch schnell erledigt. Die böse Alte. Oder etwa nicht?

Noch ein tiefer Blick ins Seriengedächtnis. Als Else Kling 1999 von ihrem Sohn ins Altersheim abgeschoben werden wollte, kettete sie sich ans Treppengeländer. Große Solidarisierungswelle unter den Bewohnern der Lindenstraße 3! Und bei Millionen Zuschauern. Ähnliche Reaktionen im Mai 1998, als Fiesling Olli Klatt die Kling in seine Gewalt brachte, um sich bei ihr in der Wohnung zu verstecken, oder im November 1997, als sich Egon Kling nach 45 Jahren von seiner Else scheiden ließ. Der Mann ertrug sie nicht mehr und wollte ungestört zur WM nach Frankreich fahren. In diese Zeit, es dämmerte gerad’ um Kanzler Kohl, fällt auch Elses Umzug aus der Wohnung in die Garage im Hinterhof. Dort versank die Möchtegern-Reaktionärin bei Kerzenschein so sehr im neu entdeckten Mal-Talent, das sie beinahe verbrannt wäre. Die Ärmste, dachten viele. Fragt sich bloß: Wieso? Warum so viel Mitgefühl? Lasst die Alte doch endlich gehen!

Offenbar fehlt da jemand im Treppenhaus, auch wenn der sich nicht immer an die Privatsphäre oder an das Gebot der Verschwiegenheit hält. Umschreiben wir es mal so, auch wenn es ein wenig naiv klingt: Zu guter Letzt war die Nachbarin Kling – Integrationsfigur. Auch Klatsch und Nachrede kann Teilhabe sein. Mitleiden? Ja, auch. So viel soziale Nähe wie im Else Klingschen Treppenhaus war 1985 jedenfalls genauso ungewohnt wie heute. Wer kann sich noch an das letzte, gute Gespräch mit seinen Nachbarn erinnern, in Ehrenfeld, in Eppendorf, in Erfurt? Häme hin, Hausdrachen her – so richtig böse konnte man Else Kling nicht sein. Dem Autor dieser Zeilen war die waschechte Bayerin, die so herrlich „Sodom & Gomerra“ sagte, nie wirklich unsympathisch. Eher der nölige Dr. Dressler.

Sympathiefigur oder nicht – mit Else Klings langsamen Verschwinden in den letzten Jahren hat auch die „Lindenstraße“ die Kraft, die Überzeugung verlassen, noch der Spiegel des normalen, täglichen Lebens in diesem Lande zu sein. Länger schon haben Geißendörfer und sein Team die Republik nicht mehr so aufgerüttelt wie Ende der 80er Jahre. Mit der Bundestagswahl-Kampagne „Wählt Gung!“ thematisierte die Serie das Ausländerwahlrecht. Nach Tschernobyl rief Benny Beimer ganz Deutschland zum Stromboykott auf. Der erste Schwulen-Kuss im deutschen Serienfernsehen? 1990 in der „Lindenstraße“. Und heutzutage? Allerlei Küsse, zu jeder Tageszeit, in jedem Kanal. Neonazis? Folter in der Türkei? Eindeutige Stellungnahmen? Das Fernsehen ist enttabuisiert. Vielleicht gibt’s nichts mehr zum Aufrütteln. Vielleicht ist der Vertrag der „Lindenstraße“ mit der ARD, der gerade bis 2008 verlängert wurde, der letzte. Vielleicht ist es einfach so, dass „mediale Lebensabschnittpartner“ ein Verfallsdatum tragen, welches sich selbst Stammguckern irgendwann mitteilt. Immerhin: Die „Lindenstraße“ läuft. Und läuft und läuft. Die „Schwarzwaldklinik“, auch so ein Relikt aus den 80er Jahren, nach kurzem Aufflackern 2005 nicht mehr.

Else Kling nun auch nicht mehr. Zuletzt stand sie wie eine Beckettsche Gestalt in den 150 Meter langen Außenkulissen von Köln-Bocklemünd herum. Als sei das schon Fernsehmuseum. Die Welt da draußen, die Schwulen, die Schröders, all das Sodom & Gomerra, hat die Alte nicht mehr interessiert, nicht einmal mehr die Menschen im eigenen Haus. Wenn die Kling jetzt geht, ist das, eingedenk des hohen Alters, zwangsläufig. Ihr alter Hausmeister-Job ist eh’ schon seit Jahren vakant. Wenn das der Verband der Hausmeisterinnen wüsste, der Annemarie Wendl mal einen bösen Brief geschrieben hat, worin stand, dass richtige Hausmeisterinnen gar nicht so schlimm sind wie Else Kling.

Wem wollen die nun schreiben? „ Lindenstraße“ ohne Else – erst mal schwer vorstellbar, aber doch irgendwie machbar. Schwerer wiegt der Fall für die Schauspielerin. Von wegen Wirklichkeit und Fiktion. Ihr richtiges Alter habe die damals 68-Jährige beim Casting angeblich verschwiegen. Da hat sie sich zehn Jahre jünger gemacht. Danach ist Annemarie Wendl 21 Jahre älter geworden, zusammen mit Else Kling. Zusammen mit uns, den Zuschauern. Ihre Lieblingsbeschäftigung, vertraute die jetzt 91-Jährige dem „FAZ“-Fragebogen an, sei „Lesen und in die Wolken schauen“. Else Klings Charakter sei kein Teil von ihr, dazu sind sie zu verschieden, hat die Schauspielerin stets betont. Putzen konnte die Wendl auch nie. Und wer die Schauspielerin getroffen hat, wunderte sich: Sie spricht gar nicht so sehr Dialekt. Es gab ja ein Leben vor Else Kling, nach der Geburt am zweiten Weihnachtstag 1914 in Trostberg an der Alz, der Schauspielausbildung in Berlin, nach Theater in Augsburg, Berlin, Salzburg oder Bonn, nach Gretchens Faust und Mutter Courage, dem frühen Tod des Mannes im Zweiten Weltkrieg und einer späten Film-Karriere dank Rainer Werner Fassbinder. Mitte der 70er Jahre spielte die Wendl eine Mutter in „Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“. Im Grunde genommen war das das Motto für später, für 21 Jahre Else Kling.

Ihr Tod sei vor einem Jahr abgesprochen. Darauf wird von Schauspielerin und Produktion Wert gelegt. Ein Darstellerwechsel wäre undenkbar gewesen. 2005, als sich das Ende abzeichnete, hat sich Annemarie Wendl bitter über den „Jugendwahn“ in der „Lindenstraße“ beklagt. „Ich hätte gerne mehr gedreht, als immer nur ein paar Sätze. Früher hatte ich viel größere Szenen.“ Geißendörfer verwies auf Wendls Gesundheitszustand: „Immer dann, wenn sie stehen und atmen konnte, konnte sie bei uns drehen.“ Nach einer schweren Grippe und Lungenentzündung 2003, einem Sturz samt angeknackstem Halswirbel kam die Schauspielerin nicht mehr auf die Beine. Die Anreise vom Wohnort München zum Drehort Köln – eine Mühsal.

Wer einen Großteil der über 1000 Folgen gesehen hat, davon 712 mit Else Kling, wird das Gefühl nicht los, dass Annemarie Wendl den richtigen Abgang aus der „Lindenstraße“ genauso verpasst hat wie manch’ Zuschauer, der mit Else Kling 20 Jahre älter – und ein bisschen kleinbürgerlicher – geworden ist. Der sich jeden Sonntag um zehn vor sieben zum Fernseher stiehlt, ohne recht zu wissen, warum. Die Macht der Gewohnheit? Sicher. Und die Wonnen (oder Zwänge) des Serienliebhabers: eine ganze Woche eines reichlich krummen Leben – ausgeglichen in einer halben Stunde Fernsehen. Vertraute Gestalten, vertraute Sorgen. Zum Schluss jedes Mal die Großaufnahme eines verstörten Gesichts, danach die bekannte Melodie. Alles ändert sich. Alles bleibt gleich. Wahrscheinlich ist es so: Ein „Lindenstraße“–Fan muss aus dem Haus gehen und von einer Kugel getroffen werden, um kein „Lindenstraße“-Fan mehr zu sein.

Die gewünschte Kugel kriegt Else Kling zum Abschied nicht, aber die Fiktions-Maschine holt noch mal richtig aus. Folge 1069 der „Lindenstraße“ heißt „Abschied und Ankunft“. Am 28. Mai geht Sohn Olaf auf Himmelfahrtstour. Else bleibt allein zu Hause. Eine Woche später wird sie gefunden. Am 11. Juni die große Beerdigung, noch größer als bei Benni Beimer, Frau Dressler oder Benno Zimmermann. Ein langer Abschied. Keiner mit Erschießen. Else Klings Tod ist dann doch nicht geschaffen für den Tratsch.

Annemarie Wendl hat vor Jahren gesagt, sie habe Angst vor der Zeit nach der „Lindenstraße“. Angeblich hat sie jetzt ein neues Angebot. Wir möchten ihr das glauben.

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