Kultur : Die Leere im Kopf

Silvia Hallensleben

blickt in den Spiegel der Vergangenheit Viele der mit Jim Knopf und Urmel aufgewachsenen Babyboomer fühlten sich 1984 schwer in ihren Fernseherinnerungen verraten, als in der Michael-Ende-Verfilmung ihre knuffig dahertrottelnden Kindheitsidole gegen Computertricks aus der Bavaria-Studiokiste ausgetauscht wurden. Heute, zwanzig Jahre und drei Harry-Potter-Filme später, sieht selbst Wolfgang Petersens romantisch verspiegelte Unendliche Geschichte schon wie altmodisches Urgestein des Kinderfilms aus, an das sich die heute Zwanzigjährigen nostalgisch erinnern. Nebenbei markiert das – drei Jahre nach Petersens „Boot“ – mit damals enormen 60 Millionen DM produzierte Projekt auch den Aufstieg des Produzenten Bernd Eichinger zu einem der erfolgreichsten Wellenreiter der internationalen Bücherverfilmungskonjunktur. Samstag- und Sonntagnachmittag können sich alle videogenervten Twens im Lichtblick-Kino noch einmal ins echte Leinwand-Phantasien zurückträumen.

Es ist ein alter Schmöker, der Bastian Bux auf seinen Seiten nach Phantasien entführt. Selbstreflexion lag damals im Zeitgeist. Auch Lars von Triers 1987 entstandener Zweitling ist eine Film-imFilm-Geschichte, hier allerdings in der studentischen Albtraum-Variante zweier Jungfilmer, denen plötzlich die Diskettendaten eines abzuliefernden Drehbuchs abhanden kommen. Auch im Kopf nur noch Leere: „Ich erinnere mich noch dunkel an das Ende. Der mittlere Teil ist verschwommen. Aber der Anfang ist völlig weg.“ Für Filmkritiker ist das normal. Für die Autoren (von Lars von Trier und Drehbuchautor Niels Voersel selbst gespielt) eine existenzielle Katastrophe. Anlass, sich eine neue, bessere Geschichte – eben Epidemic – auszudenken, die am Ende auch noch zu unheimlichem Eigenleben erwacht. Der in Deutschland bisher unveröffentlichte zweite Teil von Lars von Triers „Europa“-Trilogie wird vom Kölner Realfiction-Verleih jetzt ins Kino gebracht und ist in Berlin ab heute im Central und im fsk zu sehen (OmU).

In den 80ern begann unter dem Begriff Design bald spießigste Kleinbürgerkultur in deutsche Wohnzimmer einzuziehen. Jetzt schlägt die Weltwirklichkeit zurück und infiltriert mit Fotos und Dokumentarfilmen die „schönen neuen Welten“ der Designerkultur: So glänzt der gerade eröffnete Berliner „Designmai“ auch mit einem vom Kulturverein Chalista Sintesa kuratierten Programm mit „Film, Fotografie & Literatur aus Indonesien“. Besonders hingewiesen werden soll auf einen außergewöhnlichen und preisgekrönten Dokumentarfilm des niederländischen Filmemachers Leonard Retel Hemrich, der uns in einem spektakulären Hitchcock’schen Kamerastrudel in den Alltag einer Vorstadt von Djakarta hineinzieht. Dass die im Film vorgestellte Familie christlichen Glaubens ist, ist dabei nur ein Aspekt des Interesses. Shape of the Moon glänzt nicht nur durch ungewöhnliche visuelle Meisterschaft, sondern auch durch die Intimität der Beobachtung. Als DVD-Projektion Donnerstag und Freitag in den Josetti-Höfen (OmU).

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