Kultur : Die legendäre Russische Gebrauchskunst ist Gegenstand eines neuen Bildbandes

Christian Schröder

Das Gesicht: eine Landschaft aus Falten und Furchen. Der Blick: eine Attacke aus eisigen Augen. Der Hut: ein schwarzer Zylinder, silbrig schimmernd wie ein Helm. So wie Anatoly Belsky 1929 auf seinem Plakat für den Film "Fünf Minuten" einen Kapitalisten zeigte, hatte man sich damals im Reiche der Arbeiter und Bauern den Klassenfeind vorzustellen - als Gespenst, das jederzeit auferstehen kann aus der Versenkung. "Fünf Minuten" handelt von den fünf Minuten, in denen in der gesamten Sowjetunion zum Gedenken an Lenins Tod die Arbeit niedergelegt wurde. Vom Schriftzug, der in der Ecke über dem Zylinderkopf des Kapitalisten platziert ist, führt eine gezackte Linie hinab in die Hochhausschluchten, wo die Autos ungerührt weiterfahren. Alles wankt, kippt, stürzt. Lenin wird begraben, und die Welt ist aus den Fugen.

In den zwanziger Jahren fand eine Revolution auf dem Papier statt. Ein, zwei Dutzend Künstler entwarfen für die staatliche Filmorganisation Goskino (1922 gegründet) und deren Nachfolgerin Sowkino (ab 1926) Plakate, die nicht nur für Filme, sondern auch für eine neue Ästhetik warben. Der Band "Film Posters of the Russian Avant-Garde" versammelt rund 200 Beispiele dieses radikalen Kunst-Gewerbes. Georgij und Wladimir Stenberg setzen Buster Keaton auf ein Hochrad und schreiben "Buster Keaton" auf seinen Bauch ("Der General", 1929). Nikolai Prusakov lässt eine Kanone auf einer Pfeife schweben ("Die Pfeife des Kommunarden", 1929). Alexander Rodchenko montiert ein Schiff in eine schrift-gesäumte Raute ("Panzerkreuzer Potemkin", 1925).

Manchmal erzählten die Plakat-Avantgardisten auch ihren eigenen Film - wenn sie den Film gar nicht gesehen hatten, zu dem sie ein Poster liefern sollten. "Wir machten am Anfang einen Test", berichtet Wladimir Stenberg über die Arbeit mit seinem Bruder Georgij, "welche Farbe sollte der Hintergrund bekommen? Er machte eine Notiz und ich auch. Dann verglichen wir sie, und sie waren gleich!"Susan Pack (Hg.): Film Posters of the Russian Avant-Garde. Taschen Verlag, Köln 1999, 319 Seiten, 49,95 DM.

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