Kultur : Die Legende lebt

Jürgen Tietz

Bereits vor der Fertigstellung der gärtnerischen Anlagen war das Konzept des Quartiers McNair klar erkennbar: Zwischen den weißen Kuben der zwei- bis dreigeschossigen Reihenhäuser mit ihren flachen Dächern wuchs der grüne Rollrasen. Die Buchenhecken zwischen den Gartentoren waren zwar noch ein bisschen schütter, doch man konnte ahnen, dass sie in zwei, drei Jahren einen ebenso undurchdringlichen wie lebendigen grünen Sichtschutz abgeben würden. Auch wenn der letzte Bauabschnitt der McNair-Siedlung noch nicht abgeschlossen ist, leben die ersten Bewohner bereits seit über einem Jahr im Quartier, etwa an der Darser Straße.

Der Name der Siedlung erinnert an die alte Nutzung des Geländes. Zu West-Berliner Zeiten waren rund um die Lichterfelder Goerzallee amerikanische Truppen stationiert. Nach dem Hauptstadtbeschluss fiel die Entscheidung, auf dem Gelände Wohnungen für Bundesbedienstete zu bauen. Der Entwurf dafür stammt vom Schweizer Anatole du Fresne. Sein Partner war der Vorarlberger Dietmar Eberle, der zusammen mit Carlo Baumschlager in den letzten Jahren zu den bemerkenswertesten europäischen Architekten zählt. Doch die Berliner Siedlung trägt vor allem die Handschrift du Fresnes - und letztlich die des Atelier 5, jener Schweizer Siedlungsbaulegende, von der sich du Fresne 1994 nach beinahe 30-jähriger Partnerschaft getrennt hat. Seitdem beschreitet er eigene Wege, doch die Nähe zu den Idealen der strukturalistischen Projekte des Atelier 5 bleibt spürbar.

1955/61 hatten die "Kinder" von Le Corbusier mit der Siedlung Halen bei Bern für Furore gesorgt. Ihr hochverdichteter Wohnungsbau mit Gemeinschaftsanlagen entwickelte die Wohnbaukonzepte der Moderne der zwanziger Jahre weiter. Er versteht sich als eine Alternative zur landschaftsfressenden Einzelhausbebauung. Auch der Architekt selbst wohnt in einer Siedlung von Atelier 5.

Der Grundriss der Berliner Wohnsiedlung erinnert an einen großen Teppich mit geometrischem Muster. Dadurch wird ein 122 000 Quadratmeter großes Grundstück städtebaulich gefasst und belebt. Die leuchtend weißen Fassaden der geschickt gestaffelten Häuser kennzeichnet ein abstraktes Muster aus liegenden und stehenden Fensterformaten. Das sorgt für Abwechslung, ohne Unruhe zu erzeugen. Der Verzicht auf den von du Fresne sonst bevorzugten Sichtbeton führt dazu, dass McNair die Erinnerung an die weiße Moderne wachruft. Wie einst in Halen ist auch in Berlin hochverdichteter Wohnraum entstanden. Die Breite der Reihen- und Doppelhäuser beträgt lediglich vier bis sechs Meter, die Höhe wechselt zwischen zwei und drei Geschossen. Am Übergang zu den denkmalgeschützten ehemaligen Kasernenbauten, die 1937/40 von Hans Hertlein in sachlicher Formensprache für die Telefunken-Werke entstanden, begrenzen Terrassenhäuser das Areal.

Die Verdichtung sorgt für ein Höchstmaß an Kleinteiligkeit in der stadträumlichen Wirkung. Das bedeutet aber zugleich auch eine extreme Nähe zum Nachbarn. Um so wichtiger ist es, den Bewohnern Rückzugsmöglichkeiten anzubieten. So werden die Hauseingänge jeweils durch hohe Mauern abgeschirmt, hinter denen sich ein intimer Hof verbirgt. Uneinsehbar für die Nachbarn kann man hier frühstücken, Wäsche aufhängen oder einen Kaninchenstall aufstellen. Ähnliches gilt für die großzügigen Dachterrassen. Vorkragende Betonscheiben schützen die Privatsphäre vor neugierigen Blicken. Wer dagegen die Gartentür öffnet, tritt ins autofreie Gemeinschaftsgrün. Das ist nicht zuletzt für spielende Kinder ideal, die hier dementsprechend zahlreich vertreten sind. Im Hausinneren steht den Bewohnern jeweils eine ganze Bandbreite von Grundrissentwürfen zur Auswahl. Je nach Geschmack können sie zwischen einem offenen und einem traditionellen Grundriss wählen. Je mehr einzelne Zimmer man jedoch in die schmalen Häuser drängt, desto enger wird es zwangsläufig.

Es wird noch eine Weile dauern, bis sich das Landschaftskonzept des Schweizers Guido Hager entfalten kann. Dann sollen sich im südlichen Abschnitt des Quartiers die Häuser um kleine Wäldchen und Wasserflächen gruppieren. Nach und nach wird das Areal einwachsen.

Man mag einwenden, dass du Fresne mit dem Quartier McNair an sozialutopische Konzepte anknüpft, die längst ausgedient haben. Doch gerade die aktuellen restaurativen Tendenzen verleihen dem Quartier McNair seine erstaunliche Frische. Alt wirken die hier verwirklichten Ideen überhaupt nicht. Zwar wurde am südlichen Rand Berlins das Rad nicht neu erfunden. Doch wozu auch? Stattdessen entwickelt die Siedlung konsequent die innovativen Kräfte des Siedlungsbaus der zwanziger Jahre weiter. Keineswegs der schlechteste Ansatz für eine Stadt wie Berlin, die durch die Moderne geprägt wurde. Das Quartier McNair sollte Schule machen.

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