Kultur : Die Legende vom heiligen Junkie

Kurt Cobain war der größte Rock-Märtyrer seit Jimi Hendrix und Jim Morrison. Acht Jahre nach dem Selbstmord erscheinen seine Tagebücher

Nadine Lange

Zwei Tage lang hatten sie auf ihn gewartet, und irgendwann glaubten sie nicht mehr, dass er noch auftauchen würde. Krist Novoselic und Dave Grohl ahnten höchstens, was in Kurt Cobain vorging. Ihr Gitarrist und Sänger war weit weg auf einer finsteren Solotournee, bei der er keinen Bassisten und keinen Drummer brauchte. Deshalb waren sie überrascht, als Cobain plötzlich doch in Seattle zur Studiotür hereinkam und sich kommentarlos an die Arbeit machte. Es sollten die letzten Aufnahmen mit seiner Band Nirvana werden.

Sie spielten zehn Stunden lang, brachten dabei aber nur einen kompletten Song zusammen. Sie hatten ihn bei einem Konzert unter dem Titel „On the Mountain“ präsentiert, jetzt nannte Cobain ihn „You know you’re right“. Unter normalen Umständen wäre der Song auf dem nächsten Album erschienen und hätte es vielleicht zur Singleauskopplung geschafft. Doch etwas mehr als zwei Monate später, am 5. April 1994, jagte sich Kurt Cobain in seinem Haus in Seattle erst eine riesige Menge Heroin ins Blut und dann eine Ladung Schrot in den Kopf. Der 27-Jährige ließ eine ganze Generation zurück, die ihn christusgleich verehrte. Er hatte die Wut dieser Generation X in „Smells like Teen Spirit“ besungen und war für sie gestorben.

Novoselic und Grohl beendeten nur mit Mühe die Arbeiten am „MTV unplugged“-Album – dem Dokument eines schaurig-schönen TV-Auftritts in einem Meer von weißen Lilien und schwarzen Kerzen. Das Masterband des letzten Nirvana-Songs lagerte in Novoselics Keller. Dass das Stück jemals auf einer CD erscheinen würde, war unwahrscheinlich, denn Novoselic und Grohl hatten sich mit Cobains Witwe Courtney Love zerstritten. Bassist und Drummer hätten „You know you’re right“ gerne innerhalb einer umfangreichen Nirvana-CD-Box herausgebracht, Love hingegen wollte den Song auf einem Greatest-Hits-Album veröffentlichen. Sie setzte sich durch: Das Lied ist nun der Opener von „Nirvana“ (Geffen), einer Kompilation mit 15 Songs.

Es ist kein großer Hit, wie Love meint, sondern eher „ein ziemlich kranker, aber guter Alice-in-Chains-Song“, wie Cobain ihn nach der Studiosession beschrieben hatte. „You know you’re right“ funktioniert nach dem für die Band typischen Leise/Laut- und Soft/Hard-Schema. „Pain“ singt Cobain wieder und wieder, dehnt das Wort über Sekunden. Er schreit nicht. Seine Schmerzensmelodie ist ein resignierter Singsang, der wirkt, als habe er sich mit seinen Qualen arrangiert.

Was den einflussreichsten Rockmusiker der neunziger Jahre so sehr schmerzte, kann man jetzt in zwei Büchern nachlesen. Kurt Cobain war ein manischer Schreiber. Er füllte Dutzende von Notizkladden mit Gedanken, Briefen, Listen, Zeichnungen und Songtexten. Mehr als 20 dieser Spiralblöcke mit rund 800 beschriebenen Seiten befinden sich im Nachlass. Aus ihnen wurden das Material für die heute auf Deutsch erscheinenden „Tagebücher“ (Kiepenheuer & Witsch, 350 S., 19,90 Euro) ausgewählt. Die faksimilierten Seiten mit nebenstehenden Übersetzung zeigen nur einen kleinen Ausschnitt der Notizen aus den Jahren 1988 bis 1994. Sehr persönliche oder intime Einträge sind selten. Stattdessen gibt es viele Dokumente, die zeigen, wie Cobain am Erfolg von Nirvana arbeitete: Drummer werden gesucht und gefeuert, Plattenfirmen angebettelt, Promotiontexte entworfen und Tourvorbereitungen getroffen.

Ein begeisterter, überschwänglicher junger Mann spricht auf diesen Seiten. Einer, der erstaunlich gut zeichnen kann und manchmal Splattergeschichten erzählt, aber auch viel über Politik, Macht und Musik grübelt. Im Frühjahr 1991, der spätere Megaseller „Nevermind“ ist gerade aufgenommen, schreibt Cobain einen Brief an die Bikini-Kill-Schlagzeugerin Tobi Vail: „Die Industrie bewilligt jetzt vermeintlich subversiven, alternativ denkenden Bands Vorschüsse, um ihre Kampfziele öffentlich bekannt zu machen. Klarerweise werfen sie nicht aus diesem Grund mit Vorschüssen um sich, sondern eher weil sie darin eine Ware sehen, die sich zu Geld machen lässt, aber wir können sie benutzen!“ Er wolle das System infiltrieren und von innen zerstören, mit „Entertainment-Qualitäten locken und dann mit Realität konfrontieren“. Mit Vail war Cobain eine Zeit lang in Olympia (Washington) liiert gewesen. die puristische Punkrock-Szene dieser Stadt, in der er seit 1987 lebte, hatte ihn geprägt. Er sah sich als Linker, identifizierte sich mit Außenseitern. Hasstiraden gegen sexistische, homophobe, rassistische Rednecks füllen viele Seiten, von dieser Position aus war es Verrat, einen Deal mit einem Majorlabel abzuschließen, wie Nirvana es für „Nevermind“ taten. Mit seiner wütenden Musik und wilden Posen war Cobain die Idealbesetzung für eine Marktlücke. Ein Punkrocker für die Massen – sein Traum und Alptraum.

Vielleicht rührten die unerträglichen Magenschmerzen, die Cobain quälten, auch aus derlei Widersprüchen. Er beschreibt sie mit seiner unruhigen Linkshänderschrift als „fürchterliche, brennende, Brechreiz erregende Schmerzen im oberen Teil der Magenschleimhaut“. Weil ihm kein Arzt helfen konnte und er oft wochenlang kotzend und hungernd im Bett lag, entschied er sich für Selbsthilfe: Heroin. Spätestens ab hier müssen die „Tagebücher“ sehr vorsichtig gelesen werden, denn es lässt sich selten ausmachen, in welchem Zustand er die meist undatierten Einträge machte. Wenn er schreibt „Ich bin kein Junkie“, ist das Wunsch statt Wirklichkeit. Leider halten sich die Herausgeber mit Anmerkungen zurück und erklären höchstens Musiker- oder Bandnamen.

Die Hintergründe finden sich in einem anderen Buch: „Der Himmel über Nirvana – Kurt Cobains Leben und Sterben“ (Hannibal, 380 S., 25,90 Euro) von Charles R. Cross. Der Musikjournalist aus Seattle hat vier Jahre lang für seine außerordentlich informative Biografie recherchiert. Er benutzte zum Teil dieselben Quellen wie die „Tagebücher“ und interviewte nahezu alle für Cobain wichtigen Menschen. In angenehm unspektakulärem Stil porträtiert er das Grunge-Idol, ohne große Thesen aufzustellen oder unnötig zu psychologisieren. Sein Porträt zeigt einen sensiblen und begabten Jungen, dessen Welt im Alter von neun Jahren durch die Scheidung seiner Eltern so erschüttert wurde, dass er sich nie wirklich davon erholte. Es zeigt den Schulabbrecher, Rumtreiber, Tiernarr, Drogenabhängigen und Musiker, der eine unstillbare Sehnsucht nach einer liebevollen Familie hatte und doch immer weniger Menschen an sich heranließ. Auch Cobains Beziehung zur Sängerin und Schauspielerin Courtney Love, über die man in den „Tagebüchern“ überhaupt nichts erfährt, wird aufschlussreich beleuchtet.

Ein wiederkehrendes Motiv ist die Todessehnsucht. Cross fand dafür fast überall Indizien: Als Teenager drehte Cobain einen Super-8-Film mit dem Titel „Kurt begeht blutigen Selbstmord“, Freunden erzählte er von seinen „Selbstmord-Genen“, als Erwachsener schaute er sich immer wieder den Selbstmord eines Politikers auf Video an, das dritte Nirvana-Album wollte er „I hate myself and I want to die“ nennen. Seine unzähligen Überdosen waren nichts anderes als Nahtodeserfahrungen. Selbstmord war für Kurt Cobain immer eine reale und positive Option. Wenn das Leben nur noch Schmerz sein würde, konnte er es hinter sich lassen. Wenn selbst seine Frau, seine kleine Tochter und auch die Musik die Schmerzen nicht mehr stillen würden, gab es einen finalen Ausweg. Einen langen Aufenthalt unter den Lebenden hat sich der Mann, der seine Band nach dem buddhistischen Erlösungsbegriff benannte, sowieso nicht gewünscht. Zweimal schreibt er in seinen Tagebüchern: „Ich hoffe, ich sterbe, bevor ich Pete Townshend werde.“

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