Kultur : Die Legende

Zum Tod des Autors und Verlegers Maurice Nadeau.

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Er war eine einzigartige Instanz des literarischen Frankreich. Maurice Nadeau, 1911 in Paris geboren, besaß schon durch die Zeitschichten, die er im Lauf seines 102-jährigen Lebens durchquerte, eine unvergleichliche Erfahrungstiefe. Sie hinderte ihn indes nicht daran, Neues zu entdecken. Noch jenseits der neunzig veröffentlichte er in den von ihm 1977 gegründeten Editions Maurice Nadeau „Ausweitung der Kampfzone“, den ersten Roman von Michel Houellebecq. Es war der letzte Coup einer Reihe, die nur aus Debüts bestand – und die Bestätigung eines Instinkts, der ihn ein Lektoren- und Verlegerleben lang geleitet hatte. Als sein größtes Glück betrachtete es der kritische Begleiter von Samuel Beckett und Henry Miller, 1950 bei den Editions Corréa Malcolm Lowrys Roman „Unter dem Vulkan“ in Frankreich herausgebracht zu haben. Damit begründete er seinen verlegerischen Ruf, der ihn zunächst zu Julliard und Denoël führte. Auch Witold Gombrowicz, Warlam Schalamow und Georges Perec machte er bekannt.

Wie viele seiner Zeitgenossen hatte er als Kriegswaise – sein Vater war vor Verdun gefallen – Anfang der 30er Jahre seine kommunistische Affäre, erst mit der PCF, dann mit der trotzkistischen Ligue communiste. Dort lernte er mit Louis Aragon, André Breton, Jacques Prévert und Benjamin Péret auch jene Dichter kennen, die sich unter der schillernden Fahne des Surrealismus zusammenfanden. 1945 veröffentlichte er eine bei Rowohlt auch auf Deutsch vorliegende „Geschichte des Surrealismus“, ein bis heute kanonisches Werk.

Im Zweiten Weltkrieg schloss er sich der Résistance an und wurde 1944 Literaturredakteur bei Albert Camus’ Zeitschrift „Combat“. Er schrieb Kritiken für den „France Observateur“ und für das Magazin „L’Express“, bevor er 1953 seine eigene Zeitschrift „Les lettres nouvelles“ gründete. In mehreren Büchern, den Erinnerungen „Grâces leur soient rendues“ und dem Gesprächsband „Le chemin de la vie“ mit Laure Adler hat er über seinen Weg Auskunft gegeben. Er war auch das Herz der „Quinzaine Littéraire“, der von ihm 1966 gegründeten Zeitschrift, die zu den einflussreichsten Publikationen ihrer Art gehört, zuletzt mit einer Auflage von noch 7000 Exemplaren aber am Rande des Exitus stand. Maurice Nadeaus Sohn Gilles gelang es offenbar noch einmal, mit einer Geldspritze Aufschub zu erlangen. Gerade die Aufregung der letzten Wochen hat den Vater wohl die letzte Kraft gekostet. dotz

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