Kultur : Die Lehre von Lewis

Peter Schneider wundert sich über seine einstige Euro-Euphorie

Lewis H. Lapham, der Herausgeber einer kleinen, aber feinen amerikanischen Zeitschrift namens „Harper’s Magazine“ forderte mich vor knapp zwölf Jahren auf, einen Essay über die bevorstehende Einführung des Euro zu schreiben. Mein Einwand, dass meine Kenntnisse in Ökonomie nicht einmal auf dem Stand eines durchschnittlich interessierten Zeitungslesers waren – ich überschlug damals konsequent den Wirtschaftsteil der Zeitungen –, schreckten Lapham nicht ab. Also las ich mich in die Materie ein und konzentrierte mich in meinem Artikel auf die kulturellen und politischen Aspekte der neuen Währung. Ich amüsierte mich über die Vorschriften der Eurobürokraten hinsichtlich der korrekten Maße des EU-Fisches und der Krümmung der EU-Banane und entwarf eine Skizze der Eigenschaften des neuen EU-Menschen.

Hinsichtlich der Stabilität der neuen Währung zitierte ich zwar die Bedenken der Fachleute, blieb aber im Ganzen vage positiv. Namentlich die großen internationalen Banken und Großkonzerne, denen ich damals noch wirtschaftlichen Sachverstand unterstellte, warben in ganzseitigen Zeitungsanzeigen ohne Wenn und Aber für den Euro. Und hatte Helmut Kohl das Bekenntnis zum Euro nicht zu einer Frage von „Krieg und Frieden“ in Europa erklärt? Hatte der verehrte Kolumnist Klaus Harpprecht nicht mit einem gewaltigen Satz vor nationalen Abstimmungen über die Einführung des Euro gewarnt? „An zu viel Volk geht jede Demokratie zugrunde, mitsamt dem Rechtsstaat, der Zivilisation und am Ende auch der Kultur“. Die notwendigen „Anpassungen“ in der Steuer- und Finanzpolitik, dies war der Konsens der Euro-Fans, würden sich unter dem Druck der Sachzwänge irgendwie von selbst ergeben.

Ich staunte nicht schlecht, als ich die von Lapham editierte Fassung meines Artikels las. Er hatte sich die Mühe gemacht, große Teile umzuschreiben. Aus meinem kurvenreichen Votum für die neue Währung war eine vernichtende Kritik des Euro geworden. „This thing, erklärte Lapham mir am Telefon, „will never fly!“ – der Euro könne niemals funktionieren. Mein Autorenstolz verbot es mir, mich mit der Veröffentlichung meines ins Gegenteil verkehrten Essays einverstanden zu erklären. Lewis Lapham erwies sich als Gentleman und zahlte mir das volle Honorar von 5000 Dollar, der Artikel blieb ungedruckt. Danach habe ich leider nie mehr etwas von „Harper’s Magazine“ gehört.

Seit einigen Monaten versuche ich, die Email-Adresse des bald 80-jährigen „editor emeritus“ Lapham herauszufinden. „Lieber Lewis“, möchte ich ihm schreiben, „seit zwei Jahren vergeht kein Tag, an dem ich nicht an dich denke“! Gleichzeitig beschäftigt mich eine Frage: Wie war es möglich, dass der Herausgeber einer kleinen US-Literaturzeitschrift den Geburtsfehler des Euro, den die europäischen Politiker mit all ihren Experten und Beratern übersahen, schon damals klar erkennen konnte? Ich durfte irren, aber hatten die Großkonzerne und die Politiker dasselbe Recht auf Irrtum? Und haben sie aus ihren phantastischen Fehleinschätzungen von damals gelernt?

Als ich Angela Merkels Regierungserklärung vom letzten Freitag hörte, dachte ich: Wäre sie vor zwölf Jahren Chefredakteurin von „Harper’s Magazine“ gewesen, sie hätte meinen Artikel einfach durchgewunken. Aber schlimmer noch: Sie würde ihn auch heute – mit ein paar notwendigen Aktualisierungen – zum Druck freigeben.

Peter Schneider lebt als Schriftsteller in Berlin. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Kultur und Politik.

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