Kultur : Die Leiden des jungen A.

Mein langsames Leben: Christoph Hochhäuslers präzise Entfremdungsstudie „Falscher Bekenner“

Julian Hanich

Das Umfeld stimmt. Armin – hübsch, blond, wohl behütet und aufgewachsen in einem gut situierten Haushalt – ist der jüngste Spross der niederrheinischen Familie Steeb. Die Eltern (Manfred Zapatka, Victoria Trauttmansdorff) sind bemüht, um nicht zu sagen: beflissen. So einem kann es doch gar nicht schlecht gehen. Denkt man. Und dennoch: Als Armin eines Tages den Rollstuhl eines Jungen aus der Nachbarschaft zerstört, tadelt seine Mutter: „Sei froh, dass du nicht verkrüppelt bist.“ Daraufhin Armin: „Bin ich doch.“ Wenn Armin bei einem seiner unzähligen Bewerbungsgespräche Gefühle und spontane Regungen zeigen soll, versagt er. Vagabundiert er durch das Reich des Tagtraums, landet er in erotischen Grenzbereichen. Dann phantasiert er sich in Szenen mit dunklen Motorradfahrern hinein, wo er für sexuelle Akte devot auf die Knie geht. Und wenn er nachts bleich durch die Un-Orte der rheinischen Provinz irgendwo zwischen Krefeld, Düsseldorf und Mönchengladbach streunt, meint man ein Geisterwesen zu sehen. Er schlendert Autobahnausfahrten entlang und treibt sich in Raststättentoiletten herum, wo er Graffiti an die Kacheln schmiert. Der Unsichtbare versucht, Spuren zu hinterlassen. Genau darum geht es dem Film: wie man sichtbar wird unter all den anderen Gespensterexistenzen des modernen Alltags.

Die Augenlider Constantin von Jascheroffs, der Armin mit der wohltuenden Frische des Newcomers spielt, hängen immer leicht auf Halbmast, als wollte er klarmachen: So träge kann eine spätpubertäre Existenz in Deutschlands Wohlstandsgesellschaft sein. Armins langsames Leben hat keinen Schwung; lethargisch fließt der breite Strom des suburbanen Alltags dahin. Er ist ein Bruder im Geiste von Michael Hanekes Benny und ein Verwandter all der jugendlichen Antihelden von Salingers „Fänger im Roggen“ bis zu Plenzdorfs „jungem W.“. Während in Armins Familie alle den geraden Weg des Erfolgs gehen, schlägt er in die falsche Richtung. Irgendwann beginnt er Bekennerbriefe zu schreiben für Verbrechen, die er nie begangen hat. Die Polizei horcht auf. Boulevard-Medien titeln: „Der Terror ist da!“ Beim Sonntagnachmittagskaffee beginnt das Getuschel.

Christoph Hochäuslers „Falscher Bekenner“, im vergangenen Jahr in Cannes gezeigt und nach „Milchwald“ sein zweiter Spielfilm, würde herausragen allein wegen seines genauen Blicks auf die westdeutsche Gutbürgerlichkeit – vom sonntäglichen Essen mit Freunden bis zum Verdauungsspaziergang am Nachmittag. Auf einer hochauflösenden Videokamera im breiten Cinemascope-Format gedreht, ist der Film aber noch viel mehr: das unspektakuläre und dennoch gestochen scharfe Porträt eines jugendlichen Außenseiters. Dieser Armin Steeb merkt, dass man im Kampf um Anerkennung in einer egalitären und zugleich hoch individualisierten Gesellschaft manchmal zu verschärften Mitteln greifen muss. Und mehr scheint Armin gar nicht zu wollen. Ein jugendlicher Rebell, ein Stürmer-und-Dränger, ein Umstürzler mit utopischen Ideen ist er nicht. Dafür entspringt er der falschen Epoche – einer Epoche, die sich mit Idealen des guten und wahren Lebens nicht aufhalten mag. Am Ende des Films, wenn Armin aus seiner Reihenhaus-Unsichtbarkeit ans Tageslicht tritt, zeigt sich endlich ein zufriedenes Lächeln in seinem Gesicht. Was er erreicht hat, würde einem Revoluzzer niemals genügen.

fsk, Filmtheater am Friedrichshain, Hackesche Höfe, Neue Kant Kinos

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